In Italien spielte sich in der vergangenen Woche ein medizinisches Drama ab, das die Nation bewegte: Das Herz eines todgeweihten Säuglings namens Gabriel rettete einem anderen, schwer herzkranken Baby das Leben. Gabriel war in Turin zur Welt gekommen. Seine Eltern wußten, daß er nur wenige Tage zu leben hatte, deshalb tauften sie ihn auf den Namen des Engels. Das Engelskind war anencephal (griechisch: hirnlos), ihm fehlten das Groß-, Zwischen- und Kleinhirn. Nur sein Stammhirn hielt für kurze Zeit Kreislauf und Atmung aufrecht, aber auch dieser Teil versagte. Gabriels Mutter wußte schon Monate zuvor, daß sie ein anencephales Kind unter dem Herzen trug.

Doch sie wollte nicht abtreiben, sondern das Kind austragen. Sie erhielt dafür geistigen Beistand vom Papst, an den sie sich gewandt hatte. In einem Brief vom 27. August vergangenen Jahres erteilte er ihr seinen apostolischen Segen und fügte einen eigens für sie geweihten Rosenkranz bei.

Einen Tag nach Gabriels Hirntod gaben Turiner Ärzte seine Organe zur Transplantation frei. Die verzweifelten Eltern waren einverstanden, denn sie hielten es "für großartig, wenn sein Tod einem anderen armen Gabriel Rettung bringen könnte". Aber keiner wollte zunächst die Organe haben, aus Deutschland sei nur "ein trockenes Nein, danke" gekommen.

Doch dann geschah, was Erzbischof Saldarini behaupten ließ: "Das ist die Hand Gottes." Im Kinderkrankenhaus Bambino Gesù (Jesuskind) zu Rom war ein Junge mit schwerem Herzfehler zur Welt gekommen. Und sein Gewebe war verträglich mit jenem Gabriels. Ein Chirurgenteam flog von Rom nach Turin, explantierte das kleine Herz und pflanzte es dem frisch auf den Namen Maurizio getauften römischen Baby ein. "So wird nun unser Sohn ein Brüderchen haben", tröstete sich schluchzend Gabriels Mutter.

In Deutschland sind Organspenden von anencephalen Babys verboten. Mehrfach hatten solche Transplantationen hierzulande erbitterte Ethikdebatten entfacht. Die Kritik lautete, der Hirntod lasse sich bei Anencephalen nicht zuverlässig bestimmen Mütter könnten sich für das Austragen von Organspendern bezahlen lassen solche Transplantationen seien ohnehin selten, und ihre Erfolgsrate sei gering. Das Verbot sorgte schließlich für Ruhe an dieser Debattenfront.

Nur ein Stachel bleibt: Baby Maurizio hätte bei uns keine Chance. Darf Ethik manchmal tödlich sein?