Wir erinnern uns an sein "Tagebuch der Aussiedlung", diesen 1994 mit dem Charles-Veillon-Preis ausgezeichneten Essayband, in dem Dzevad Karahasan Geschichte und Wesen seiner multikulturellen Heimatstadt Sarajevo aufblättert und eindrucksvoll lakonisch vom Kriegsalltag (dem er nach Österreich entflohen ist) berichtet. Wir erinnern uns an seinen Roman "Der östliche Diwan" (1993), der Kriminalstory und mittelalterliche islamische Philosophie verschränkt. Und erkennen nun in Karahasans jüngstem Opus, "Schahrijârs Ring", ein weiteres Beispiel seines zwischen den Kulturen und Zeiten changierenden Schreibens.

Nach dem Muster orientalischer Fabulierkunst, auf die der Titel verweist - König Schahrijâr war der Gatte von Scheherezâde, der Erzählerin von "Tausendundeiner Nacht" -, wählt Karahasan das Prinzip der Verschachtelung die drei Teile des Romans (mit den Schauplätzen Sarajevo, Istanbul, Uruk) spiegeln einander zwischen der Haupthandlung und der Geschichte in der Geschichte in der Geschichte bestehen erhellende Bezüge. Die kunstvolle Konstruktion sorgt für Spannung und Vielfalt, für ein faszinierendes zeitlich-räumliches Panorama.

Wo findet man heutzutage solch überlegene Muße, solch zeitlose Schönheit wie in diesem Roman von Dzevad Karahasan? Wir lesen und stellen mit Erstaunen fest, daß die Rahmenhandlung unmittelbar während des Bosnienkrieges spielt nichts im Ton indes verrät Panik, Konfusion, Zerrissenheit. Selbst die Polemik ist gelassen, mitunter sogar witzig, der Sprachduktus kontrolliert - bewußt langsam, präzis und poetisch. Wie verzaubert lassen wir uns vom Erzählfluß tragen, heben in einen geistigen Schwebezustand ab.

Heim und Heimat sind Grundthemen des Romans sie werden auf allen möglichen Ebenen abgehandelt, auf einer wörtlichen ebenso wie auf einer metaphorisch-metaphysischen. Die Gleichungen lauten: Heimat gleich Frau gleich Familie gleich Haus gleich Dorf gleich Landschaft, aber auch: Heimat gleich Selbstwerdung gleich Selbstüberschreitung in der Liebe und nicht zuletzt: Heimat gleich Sprache. Es sind Gleichungen differenter Art, die sich teils auszuschließen scheinen, so wie sich Ideal und Wirklichkeit, Kunst und Lebensalltag ausschließlich oder doch häufig widersprechen.

Gegensätze auch verbinden das Liebespaar Faruk und Azra. Er ist der Träumer, der Phantast, der das Leben in Geschichten verpackt, durch seine Geschichten ersetzt sie ist die praxisbezogene Frau, die dabei ist, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Beide brauchen, beide lieben einander - doch scheinen die Gegensätze zu groß, um lebbar zu sein. Azra, die anfänglich um jeden Preis weggehen wollte (nur weg von hier, weg in die Traumstadt Venedig), ist am Schluß des Romans im belagerten Sarajevo gefangen, während Faruk, der kontemplative Seßhafte, durch verlassene bosnische Dörfer irrt, unterwegs nach Nirgendwo.

Das Buch läßt die Option offen, daß sich die Parallelen im Unendlichen der Sehnsucht treffen. Platonisch ist es insofern, als es inneres Wachstum durch Verzicht und Verlust offenbart: als Suche. Karahasans Roman, vor dem Krieg begonnen, nach dem Krieg beendet, verrät die geschärfte Wahrnehmung des Kriegsgeschädigten, hat aber keineswegs nur die bosnische Gegenwart im Visier. Bis in sumerische Zeiten ausholend, stellt er eine Reihe von "ewigen Fragen", in deren Zentrum das persönliche Opfer als sinnstiftender Akt steht.

Das Motiv zieht sich durch alle Schichten des Romans: berührt das Leben Faruks, das seines literarischen Helden Figani sowie das jenes sumerischen Zwitterwesens, das einer von Figani übersetzten Erzählung entstammt. Figani - Karahasan bezieht sich auf die historische Gestalt des osmanischen Dichters Ramadan-effendi aus Trapezunt - wird das Opfer von Machtintrigen, an den Schwanz eines Esels gebunden, durch die Stadt geschleift und gesteinigt der Dschinn Bell (aus dem sumerischen Teil des Romans) überläßt sich demselben Ritual, um seine Menschwerdung zu befördern und das verdüsterte Volk zu ekstatischem Lachen zu bringen nur Faruk wird solcher Opfertod verwehrt, da die Gemeinschaft die Verantwortung fü r das karnevalistische Ritual ablehnt.