Selbsttranszendierung ist an ein übergeordnetes Sinnsystem gekoppelt. In einer Welt des Wertezerfalls ist die Sinnsuche obsolet geworden.

Der Autor Dzevad Karahasan allerdings läßt sich von dieser negativen Zeitbilanz nicht beeinflussen. Sein Roman ist - in seiner profunden Vielschichtigkeit, in seiner wunderbaren Detailfülle - ein einziger Gegenbeweis gegen geistige Verarmung, Resignation, Indifferenz, gegen modischen Narzißmus und plumpen Materialismus. Man lese nur die anrührende Liebesgeschichte zwischen Bell und Belitsilim, aus deren tragischem Nichtzusammenkommen ein Wesen entsteht, das gleichzeitig endgültiger Körper und göttliche Emanation ist, oder man folge der Verwandlung Azras, die den abwesenden Geliebten über dessen literarische Hinterlassenschaft in sich aufnimmt und mitten im zerbombten Sarajevo inneren Frieden und eine gleichsam mystische Seelenruhe findet. Man lese Faruks poetische Reflexionen über den Schnee ("Schnee ist die einzige Materie, die durch Bewegung Stille erzeugt") und höre sich die Geschichte davon an, wie er im Schnee fast erfroren wäre, als er seine Mutter mit einer Tüte Zucker über den erzwungenen Weggang des Vaters hinwegtrösten wollte. Man ahnt, wie intensiv Karahasan für "Schahrijârs Ring" recherchiert haben muß. (Nicht nur in Sachen Quellenstudium eifert der Bosnier seinem großen Vorbild Ivo Andric nach.)

Doch wirkt das Wissen nirgends aufgesetzt, die sprachliche Stilisierung nirgends penetrant. Es zeugt von Karahasans souveränem Erzähltalent, daß er verschiedene Diskurse und Zeiten, Reflexion und Anschauung zu einem episch-philosophischen, zeitlosaktuellen Romankunstwerk verbindet.

Das Einzigartige daran: die Verbindung von Orient und Okzident, von Historie und Gegenwart, von Archaik und Zeitkritik, von Spannung und Langsamkeit. Eine unerhörte Mischung, die den Gedanken nahelegt, daß der europäische Roman nicht durch das Kopieren amerikanischer Entertainment-Literatur zu erneuern ist, sondern durch Werke wie "Schahrijârs Ring".

Schahrijârs Ring

Dzevad Karahasan

Roman einer Liebe