Geistige Freiheit im Gottesstaat, eine Gesellschaft, "in der sich kein Künstler oder Intellektueller mehr bedroht fühlen darf": Mohammed Khatami, der neue Ministerpräsident des Iran, und sein Kultusminister Ajatollah Mohadscherani bemühen sich seit ihrem Amtsantritt im Frühsommer vorigen Jahres zumindest rhetorisch um ein Klima der kulturellen Offenheit in ihrem Land.

In das Bild innenpolitischer Entspannung, das sie entwerfen, scheint die Freilassung des iranischen Schriftstellers Faradsch Sarkuhi in der vergangenen Woche zu passen. Doch es waren vor allem heftige internationale Proteste, die den Journalisten und Chefredakteur der Literaturzeitschrift Adine retteten lange Zeit hatte das Regime sein Schicksal als Faustpfand in der iranisch-deutschen Auseinandersetzung um den Berliner "Mykonos"-Prozeß benutzt. Noch nach der Machtübernahme Khatamis wurde Sarkuhi in einem Geheimprozeß wegen angeblicher "Propaganda gegen die Islamische Republik" verurteilt. Nun entließ man ihn zwar - physisch und psychisch gezeichnet - aus einjähriger Gefängnishaft. Die Ausreise jedoch bleibt ihm verwehrt.

Es gibt weitere Indizien dafür, daß von einer Atmosphäre der Öffnung im Iran nur sehr eingeschränkt die Rede sein kann. Dieser Tage wurde der Chefredakteur der Tageszeitung Iran News, Morteza Firuzi, nach mehrmonatiger Haft zum Tode verurteilt - wegen "Spionage für die USA", wie es in iranischen Zeitungsberichten heißt. Firuzi hatte verschiedene regimekritische Artikel veröffentlicht. Bereits Anfang Dezember war der bekannte Publizist und Mitarbeiter der Monatszeitschrift Kian Akbar Gandschi ohne Angabe von Gründen festgenommen worden: Er hatte eine Reihe von Texten aus der Feder des Philosophen Abdelkarim Soroush publiziert. Soroush wiederum gilt als einer der scharfsinnigsten Denker des reformistischen Islam und als prominentester Dissident der Islamischen Republik.

Der Professor sieht sich seit langem staatlichen Repressionen ausgesetzt. "Ich stehe unter starkem Druck. Ich kann nicht lehren. Ich habe meine Stelle verloren", sagt er. Radikale Verfechter der Revolution brandmarken Soroush wegen seiner Sympathien für Karl Popper als "britischen Agenten". Im Mai 1995 beklagte er in einem Aufsatz die Instrumentalisierung der Religion durch die iranischen Machthaber und kritisierte den von Khomeini geprägten Begriff einer islamischen Regierung: "Der religiöse Auftrag ist zu bedeutend, als daß er nur der Geistlichkeit übertragen werden sollte", schrieb er und geriet damit endgültig ins Kreuzfeuer fundamentalistischer Kritik.

Unter der Ägide Khatami hat sich seine Situation nicht wesentlich gebessert: Im November vergangenen Jahres verprügelten ihn Schläger der extremen Ansar-e Hisbollah nach einem Vortrag an der Teheraner Universität. "Daß sich so etwas unter Khatami ereignen könnte, hätte ich nicht vermutet. Das ist sehr, sehr bitter", sagt Soroush.

Auch andere unabhängig denkende Intellektuelle vermögen an Khatamis Verheißungen von Freiheit und Toleranz nicht recht zu glauben: "Die Mentalität gegenüber den Dichtern und anderen Kulturschaffenden ist noch immer dieselbe", klagt Schahla Lahidschi, Besitzerin des Verlagshauses Roshangaran Publishing. Die Abschaffung der Zensur sei vorerst ein bloßes Versprechen der Regierung. Jene 134 Autoren, die 1994 in einem offenen Brief für die Legalisierung des Schriftstellerverbandes und gegen die staatliche Literaturkontrolle eingetreten waren, spüren zwar ein Nachlassen der gegen sie gerichteten Willkür. "Niemand kommt heute mehr, um mich abzuholen, mich zu Verhören zu schleppen, mich einzuschüchtern", erzählt der 48jährige Autor Mansur Kuschan. "Ich kann wenigstens wieder arbeiten." Doch allein der Verzicht auf Schikanen hat mit wirklicher Freiheit noch nicht viel zu tun.

Trotz ihrer Angst vor dem Regime richten die Intellektuellen weiterhin öffentliche Kritik an die Adresse Khatamis: zum Beispiel ein Protestschreiben gegen die Inhaftierung des Publizisten Gandschi. Zu den Unterzeichnern gehört Ibrahim Yazdi, der Chef der geduldeten liberalislamischen oppositionellen "Befreiungsbewegung". Ihm droht zur Zeit ein Verfahren wegen "Beleidigung heiliger religiöser Werte" - gemeint ist damit Kritik am "geistigen Führer" des Iran, Ajatollah Ali Khamanai.