Vor zwei Jahren mochte auch die gutmütige New York Times über den Rumor unter amerikanischen Intellektuellen nicht länger schweigen. Die Redaktion ignorierte Clintons leibeigene Frühaffären und widmete sich auf der Titelseite jenem politischen Nachbeben, das vom Denken eines jüdischen Philosophen ausgelöst wurde, der 1932 Deutschland über England in die USA verlassen hatte. Bis heute poliert eine stattliche Zahl von Schülern die Sprengsätze des Meisters, unter ihnen Kulturkritiker, deren politische Passionen mit dem Etikett "konservativ" nur dürftig umschrieben sind. Der Name ihres 1973 verstorbenen Nestors: Leo Strauss.

"Verlust der Tugend" und "sittlicher Verfall", die Kritik an Abtreibungsrecht und Multikulturalismus, das flächendeckende Lamento über die liberale Gesellschaft und die Fröste der Freiheit - all das wäre ohne die jahrzehntelange Stemmarbeit von Leo Strauss ebensowenig denkbar wie die freischießende Polemik eines Allan Bloom über den Niedergang des amerikanischen Geistes. Erst Strauss, der zunächst an der New School for Social Research, dann an der Universität von Chicago lehrte, hat einer rechtsintellektuellen Kulturkritik Durchschlagskraft verliehen, die ihren elitären Charakter nicht einmal mehr zu ummänteln sucht. Für den amerikanischen Straussianer logiert die "Wahrheit" der Philosophen himmelhoch über den landläufigen "Meinungen" der Demokratie. Philosophie ist die Geheimwissenschaft der Eingeweihten oder, frei nach Goethe: "Sagt es niemand, nur den Weisen, weil die Menge gleich verhöhnet."

Und in Deutschland? In der breiten Szene bestenfalls ignoriert, ist Strauss der antiliberale Lieblingskronzeuge für eine Handvoll politischer Philosophen. Sie halten das Pulver trocken und fordern, nun müßten endlich die staatlichen Institutionen mit theologischen Glaubenswahrheiten sturmsicher versiegelt werden. Fraglich, ob das Interesse an Strauss so minoritär bleibt. Derzeit ist die Stimmung für eine politische Philosophie, die dem "bindungslosen" Liberalismus die Leviten liest, durchaus günstig.

Schließlich sind die Kosten der Freiheit kaum zu übersehen, und Demokratietheorie ist kein Alleskleber. In einer schwülen Mixtur aus Pessimismus und Aufbruch sucht eine labile Intelligenz jedenfalls nach dem Gegengift zu negativer Freiheit und gottloser Normalität ergriffen entdeckt sie ihr Tiefenbedürfnis nach höheren Wahrheiten und dem substantiellen Staat.

Auserwählte zählen die Sterne oder schwadronieren ungetauft über Erbsünde und eine Theologie ohne Gott. Auf einem ganz anderen Niveau, in einer exzellenten Rezension, hat der Philosoph Rüdiger Bubner ausgeplaudert, warum nach der Wiedervereinigung Strauss auf jene anziehend wirkt, die die alte Bundesrepublik schon immer als Sonderweg in den sinnvergessenen Westen verachtet haben: "Daß Politik sich in Formalitäten und Prozeduren, Bürokratie und Verteilungsgerechtigkeit, Rechtsansprüchen und Rechtswegen erschöpfen werde, ist uns im Rahmen einer plötzlich wiedervereinigten Natio n doch fraglich geworden."

Da sind sie wieder, die alten Motive. Die Kritik der aufgeklärten Aufklärung und der unpolitischen Politik, überhaupt die Klage über den "Polytheismus der Werte" war ein Herzensthema von Leo Strauss, das er schon früh angeschlagen und ein Leben lang eindrucksvoll intoniert hat. "Die Aufklärung", schreibt er 1932, habe zunächst "im Namen des biblischen Prinzips der Nächstenliebe gegen die Intoleranz des Judentums und des Christentums" gekämpft. Doch mit dem 19.

Jahrhundert kam die Nacht, in der alle religiöse Substanz verraten ward. Die "Prinzipien" der Tradition wurden zerstört und "die Pfeiler eingerissen, auf denen die europäische Welt erbaut ist". Damit begann die Gefangenschaft der Freiheit. Erst verdrängten die Modernen ihr Zerstörungswerk, dann tapezierten sie die Höhle der Neuzeit mit den teuflischen Formeln der Naturwissenschaft.