Die jährlich erscheinenden Neuauflagen der angesehenen Guides für Deutschland lassen Gastronomen und Hotelchefs nicht unberührt - große Freude bei den Gelobten, bittere Tränen bei den Getadelten. Der Reisende jedoch möchte nur wissen, welcher Führer für ihn der geeignete ist. Die folgende Bewertung soll ihm dabei helfen.

Die rote Bibel

Der wichtigste Führer für Deutschlands Köche, der Michelin, die rote Bibel der Gastronomie, ist nicht nur Ausdruck eines Jahrmarkts der Eitelkeiten. Ein zusätzlicher Stern kann für einen Gastronomiebetrieb ein Umsatzplus bis zu dreißig Prozent bedeuten. Diesmal ließen die anonymen Tester den dritten Stern über Dieter Müllers Restaurant im "Schloßhotel Lerbach" in Bergisch Gladbach aufgehen. Müller führt nun gemeinsam mit Jean-Claude Bourgueil vom "Schiffchen" in Düsseldorf und Harald Wohlfahrt von der "Schwarzwaldstube" in Baiersbronn die kulinarische Spitze an. Zwei Ein-Stern-Lokale stiegen in die Zweier-Liga auf, Lothar Eiermann vom "Wald & Schloßhotel Friedrichsruhe" in Öhringen mußte seinen zweiten Stern abgeben. Auch der Osten schmückt sich nun mit zwei Ein-Stern-Betrieben.

Mit der Vergabe ihres Symbols gehen die Leute mit der feinen Zunge recht knauserig um. Wer den Sprung in die Sterne-Liga geschafft hat, wird zwar von den Michelin-Testern regelmäßig einmal pro Jahr besucht - Abstiegs- und Aufstiegskandidaten sogar dreimal -, allerdings nehmen es die Geschmackswächter bei den Gabeln, die den Komfort eines Hauses symbolisieren, nicht so genau: Die entsprechenden Kandidaten werden per Fragebogen "getestet", auf Fakten abgefragt und allenfalls alle zwei Jahre aufgesucht.

Derartige Prüfungsbedingungen sind ungerecht gegenüber begabten Newcomern, die möglicherweise Jahre auf eine Auszeichnung warten müssen.

Wenig Chancen auf kulinarische Weihen haben auch talentierte Jungköche, die nicht das Geld für Silberbesteck und Marmortoiletten haben. Denn die Michelin-Crew bewertet neben Küchenleistung auch Tradition und Ambiente eines Hauses. Fünf Gabeln, die Höchstnote für "großen Luxus und Tradition", kann ein neues Lokal nie erreichen.

Hundert Jahre Michelin nahm man zum Anlaß, dem Cover der Jubiläumsausgabe ein neues Outfit zu verpassen. Das freundlich rote Gesicht des Bib Gourmand, so der Name des Reifenmannes, markiert 354 gute Restaurants mit kleinen Preisen - 79 mehr als im Vorjahr. Rund 40 Piktogramme zur Beschreibung von Ambiente, Küche, Einrichtung, zu Preisen, Sehenswürdigkeiten, Stadtplänen weist das 1000 Seiten starke Buch auf. Sie zu entschlüsseln ist besonders für Erstkäufer sehr zeitaufwendig und erfordert ständiges Vor- und Zurückblättern.