Chip, Chip, hurra! Das war die ironischüberhebliche Antwort der Linken auf die Technikgläubigkeit der "Homo faber"-Generation von konservativen Technokraten. Die Generation 68 hatte alle Hände voll zu tun, den Staub von den gesellschaftlichen Talaren zu wischen. Technische Innovationen wurden gelangweilt bis skeptisch betrachtet.

Tschnernobyl und die Pershings verfestigten das Mißtrauen vor allem der Linken, die doch hundert Jahre auf die wissenschaftliche Aufklärung gesetzt hatte, zu einem ausgeprägten Fundamentalismus gegen die Technik.

Auch nach dem Regierungswechsel von 1982/83 kam es nicht zum Aufbruch in eine neue Moderne. Der konservative Zeitgeist hat zwar dem fundamental herrschenden König Kreon gleich Antigone mit ihrer Moral geradezu eingemauert, aber den neuen spirit of innovation gab es nicht. Es herrschte in Deutschland so etwas wie ein "Gesetz des bremsenden Vorsprungs". Man kürzte die Forschungsförderung um real dreißig Prozent, man schaffte die Erfinderförderung ab. In dieser Zeit haben wir ökonomische und technologische Vorsprünge verloren.

Doch jetzt, in der schwersten Krise der Nachkriegszeit, entsteht so etwas wie Fundamentalpragmatismus. Und während in der Politik die Devise noch immer lautet: Keine Experimente!, kommen die technologischen und die ökonomischen Revolutionen von außen und von unten. Inzwischen sind auch wieder 69 Prozent der Deutschen der Meinung, daß bei der technologischen Entwicklung die positiven Aspekte überwiegen.

Das ist kein Halleluja. Es schließt nachhaltige Skepsis gegen unbeherrschbare Großtechnologien nicht aus, und es ist durchaus mit einem ethisch begründeten Nein zum Klonen von Menschen vereinbar. Doch die heutigen Techniktypen, vor allem die wissensbasierten Technologien, verändern nicht nur die Mechanik der Ökonomie, sondern auch die Mechanik der Gesellschaft. Die globale Informationsgesellschaft wird nicht nur alte Arbeit abschaffen, sondern auch Jobs kreieren. In ihr wird es nicht nur neue Typen von Weltarbeitsteilung über die Zeitzonen hinweg geben, sondern es werden auch bürokratische Hierarchien durch Kompetenzhierarchien abgelöst.

Ein 45 Jahre dauerndes Normalarbeitsverhältnis wird es nicht mehr geben, die Selbständigkeit steht vor einer Renaissance. Die neuen Technologien werden die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtern und damit der bestqualifizierten Frauengeneration der Geschichte endlich neue Chancen eröffnen. Die Zukunft, nicht nur die Technik erfinden, das ist die eigentliche Aufgabe der gesellschaftlichen Eliten. Die Politik in Deutschland aber ist stationär. Es werden weiterhin "Traditionen in traditioneller Weise verteidigt" (Anthony Giddens), statt das zu tun, worin der Ausweg aus der Krise liegt: experimentieren, experimentieren, experimentieren!

Siegmar Mosdorf ist SPD-Wirtschaftspolitiker im Deutschen Bundestag.