Um kaum eine Gestalt des deutschen Judentums ranken sich so viele Legenden wie um Joseph Süß Oppenheimer, genannt "Jud Süß". Sein Leben und Tod liefern seit 250 Jahren literarischen Stoff für das beliebte und wirksame Stereotyp vom reichen Juden als Sittenverderber, gipfelnd in dem antisemitischen Hetzfilm des Goebbels-Propagandisten Veit Harlan (1940).

Aufstieg und Fall des ebenso galanten wie einflußreichen Oppenheimer, der im letzten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts (genaue Belege fehlen) in Heidelberg geboren wurde, waren an seine Rolle als Vertrauten und Hofjuden des Herzogs Karl Alexander von Württemberg gebunden. Als geschickter Wirtschaftsorganisator, Kunstsammler und Mäzen, der nicht weniger arrogant und bestechlich als andere Experten war, modernisierte Oppenheimer nicht nur das zerrüttete Finanzwesen des Landes, sondern wußte auch vornehmen und weniger vornehmen christlichen Frauen zu gefallen.

Die Kombination dieser beiden Fähigkeiten wurde ihm zum Verhängnis.

Insbesondere sein Votum für einen modernen, merkantilen Zentralstaat brachte Oppenheimer die Feindschaft der Stände ein und ließ ihn zwischen die konfessionellen Fronten von Protestanten und Katholiken geraten. Nach dem Tod des Herzogs wurde sein Hofjude auf Betreiben der Stände unter anderem wegen Hochverrats, Betrugs und Münzvergehen angeklagt und eingekerkert. Ohne jegliches Beweismaterial organisierte man einen Schauprozeß und weitete die Vorwürfe zum Vergnügen des Publikums auch auf sittenwidrigen Geschlechtsverkehr mit christlichen Frauen aus. Oppenheimer gestand nichts und lehnte alle Nötigungsversuche zur Taufe ab. Die Hinrichtung des "Jud Süß" - als Galgen fungierte ein eigens konstruierter Eisenkäfig - geriet am 4.

Februar 1738 zum großen Volksspektakel.

Unmittelbar danach kursierten verschiedene hämische Schilderungen des Spektakels als Flugschriften mit Portraits des Gehenkten und seiner Geliebten Henriette Luciana Fischer, um auch die Sensationsgier jener zu befriedigen, die nicht Zeugen der Hinrichtung geworden waren. Unter einschlägigen Überschriften wie "Leben und Thaten des berüchtigten Erzschelmen und Diebesjuden" erschien allein zwischen den Jahren 1737 und 1739 eine solche Flut von Pamphleten, daß die ersten wissenschaftlichen Bibliographen der Jahrhundertwende zur Erfassung der Titel viereinhalb engbedruckte Folioseiten be- nötigten. Am Ende des 18. Jahrhunderts war die Geschichte Oppenheimers bereits zur Mediengeschichte geworden.

Als Lion Feuchtwanger 1916 mit den Vorarbeiten zu seinem "Jud Süß"-Roman begann, konnte er sich nicht nur auf die Novellenvorlage von Wilhelm Hauff stützen, sondern auch auf Darstellungen jüdischer Autoren. Vor ihm hatten bereits unter anderen der orthodoxe Rabbiner Markus Lehmann (1872) und der Unterhaltungsschriftsteller Salomon Kohn (1887) versucht, der überlieferten antisemitischen Sex-and-Crime-Story publizistisch entgegenzuwirken. Doch allen aufklärerischen "Jud Süß"-Literaturprodukten erging es wie den wissenschaftlichen Monographien: Sie konnten die Mediengeschichte kaum beeinflussen. Die zum Teil schon im 19. Jahrhundert vorgelegten Ergebnisse von Archivstudien und Auswertungen der Prozeßakten nahm man nicht zur Kenntnis.