Berlin

Ein Triumph der political correctness in einer unnachahmlich deutschen Ausprägung scheint unaufhaltsam. Da Helmut Kohl einen der vier Entwürfe für ein Mahnmal zu dem Gedenken an die ermordeten Juden Europas freundlich benotet haben soll und weil beinahe alle an der Diskussion über die adäquate Form des Mahnmals beteiligten Personen bis zur Erschöpfung ermüdet sind, droht im März eine Hauruckentscheidung durch die Auslober. Deren wird niemand froh werden. Auch der Entwurf von Eisenman/Serra versagt vor der gewaltigen, schier unlösbaren Aufgabe.

Das Holocaust-Mahnmal ist nicht länger eine Frage der Ästhetik. Jetzt geht es um die Glaubwürdigkeit der am Entscheidungsprozeß beteiligten Politiker. Das sind Helmut Kohl, Rita Süssmuth und Eberhard Diepgen. Der Argwohn ist begründet, daß Kanzler, Präsidentin und Berliner Bürgermeister in der Furcht, eine Vertagung der Entscheidung könnte jenseits unserer Grenzen als Versagen der Deutschen vor dem Thema gedeutet werden, willkürlich einen Schlußpunkt setzen und ein "Machtwort" sprechen wollen.

Alle Argumente für und wider sind derweil ausgetauscht. Das Ergebnis der vielen Debatten ist nicht Klarheit, sondern Unsicherheit. Die Auslober, ich rede hier nur von den Politikern, vermögen nicht den Einwand zu entkräften, daß eine abstrakte Installation von bedrückend riesigem Ausmaß, auf einem Feld von der Größe eines Sportstadions, unmöglich einen Ort der stillen Trauer und Erinnerung, der Mahnung oder der sinnhaften Aufklärung schaffen kann. Deshalb sollten die Politiker auf die Warnung des Berliner Akademiepräsidenten György Konrad hören: "Es wäre nicht eben glücklich, wenn sich die Deutschen der Gegenwart zu einer Übertreibung hinreißen ließen, die sie morgen bereuen könnten."

So würde es kommen. Auch der Entwurf von Eisenman/Serra wäre nur eine "Betroffenheitsinsel". Statt zum Memento anzuregen, würden viertausend Betongrabsäulen bei den Besuchern Angst und Beklemmung wecken. Wer einige Male die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem oder das Holocaust Memorial Museum in Washington auf sich hat wirken lassen, meint sicher zu sein, daß nur die Konkretion des Ungeheuerlichen die Zeitgenossen wie die Nachgeborenen emotional und intellektuell erreichen kann.

György Konrad, Günter Grass, Marion Gräfin Dönhoff, Walter Jens, Christian Meier, Wolf Lepenies, George Tabori, Wolf Jobst Siedler und einige andere wollen nun verhindern, daß ein Vorhaben "um der Sache selbst willen" entschieden wird. Der political correctness würde das genügen. In Wahrheit wäre das Mahnmal, wie ein hellsichtiger Kritiker sagt, eher ein Ort der Ablenkung, der Entwirklichung und kalten Abstraktion.

Ein in der Konsequenz verhängnisvoller Automatismus muß in letzter Stunde aufgehalten werden. Der Schaden, der durch ein "Machtwort" von Kanzler oder Parlamentspräsidentin entstehen könnte, ist nicht absehbar.