Die Ameise: ein zu Abertausenden krabbelnder Kollektivsingular im trostlosen Totalstaat, ordnungswütige Putzkolonnen und beißende Picknickverderber. Wenig manierlich, gar nicht possierlich.

Dem Negativimage tritt jetzt ein verführerisches Bilderbuch entgegen, das zwei Rote Waldameisen ganz pfiffig und individuell durchs große dunkle Grün reisen läßt. Ein schönes Buch, eine Vitrine zum Blättern.

Durch den Ameisenhaufen gellt ein Aufschrei: "Unsere Königin ist entführt worden!" Auch für derartig staatsgefährdende Vorfälle ist Stammesdetektiv Manibulus (Mandi) von Seiff zuständig, oberster Schnüffler im duftgelenkten Ameistenstaat. Mit seinem Gehilfen Elytrus von Melk, kurz Elie genannt, nimmt er umgehend die Spurensicherung auf. Ergebnis mager, aber immerhin: ein Haar vom Täter. Und auf geht's, der Tropenkrimi kann beginnen, Mandi und Elie auf der Suche nach dem passenden Subjekt für die verdächtige Strähne.

Die ganze Geschichte steht freilich im Dienste der Bilder, aber das schadet hier gar nicht. Denn die variieren in warmen Grün-, Gelb- und Brauntönen ganz autonom ihr Thema. Die eindringlichen Tableaus verdoppeln die Tierwelt: Aus dem lebendigen Dschungel führen sie die Detektive ins Naturkundemuseum, wo ausgestopfte Tiere in großen Sälen ein zweites, wie stillgestelltes Leben entwickeln. Ein magischer Realismus, voller Details und ungewöhnlicher Perspektiven, Hitchcock im Naturkabinett. Und ein Loblied aufs leicht angestaubte Museum.

Und da sitzt denn auch der kauzige Forscher und betrachtet das zentrale Fortpflanzungsorgan des Ameisenstaates. Der Mann trägt Bart, sieh an, kurzer Haarvergleich: Er ist's! Noch lebt sie, die Königin in der Glasglocke. Aber gleich wird katalogisiert und dann ab ins Alkoholbad. Doch Mandi und Elie verteidigen die ameisige Staatsraison durch Befreiung ihrer Königin: Es gibt kein richtiges Leben in der Vitrine! Und deshalb ab in den Dschungel - in die Freiheit.

Die verschwundene Ameisenkönigin

Fred Bernard und François Roca (Ill.)