Etliche Gynäkologen handeln den Tip, allerdings nur hinter vorgehaltener Hand. Offen gibt kaum einer zu, sich selbst oder älteren Männerfreunden das zu gönnen, was Millionen Frauen in und nach den Wechseljahren empfohlen wird: Einmal täglich Östrogen - und du alterst schön. Rücken- und Gelenkschmerzen verschwinden, trockene Augen werden wieder feucht, Herzbeschwerden bessern sich, depressive Stimmungen verfliegen, und die Lust auf Sex nimmt wieder zu, vermelden viele, die es ausprobiert haben. Weibliche Geschlechtshormone als Jungbrunnen für den alternden Adonis? So absurd ist die Sache nicht, denn neuere Forschungsergebnisse legen nahe, daß Östrogene für Männer wichtiger sind, als bisher angenommen:

- Kürzlich zeigte eine Arbeit in Nature (Bd. 390, S. 509), daß Spermien in den Hoden nur dann gesund heranreifen, wenn dort genügend Östrogen zur Verfügung steht.

- Das American Journal of Cardiology berichtete im Oktober vergangenen Jahres, daß Männerherzen um über dreißig Prozent besser durchblutet werden, wenn bei verengten Herzkranzgefäßen Östrogen gespritzt wird.

- Bereits 1994 stellten Forscher im New England Journal of Medicine den seltenen Fall eines 28jährigen Patienten mit stark entmineralisierten Knochen (Osteoporose) vor. Dieser Mann hatte einen Gendefekt für die Bildung von Östrogenrezeptoren. Seine Knochen konnten das im Körper natürlicherweise gebildete Östrogen nicht verwerten, obwohl es ausreichend vorhanden war. Bei gestörtem Östrogenhaushalt werden offenbar auch Männerknochen brüchig. Das bestätigte sich 1995 bei einem 24jährigen Mann mit einem anderen Gendefekt: Wegen eines Enzymmangels konnte sein Körper das Hormon Testosteron nicht in Östrogen umwandeln. Deshalb litt er, bei normalem Körperbau, an einer ausgeprägten Osteoporose (Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism, Bd. 80, S. 3689).

Fördert Östrogen weibliche Tugenden? Von wegen!

Zunehmend wanken auch alte Vorstellungen über den Einfluß der Geschlechtshormone auf das Verhalten. Traditionell gilt Testosteron als verantwortlich für maskuline Eigenschaften wie Angriffslust, Durchhaltevermögen, Wagemut Östrogen hingegen fördere weibliche Tugenden wie Duldsamkeit, Anpassungsbereitschaft, Sanftheit. Von wegen! So hat sich beispielsweise herausgestellt, daß Männer mit einer Fehlfunktion der Hoden und daraus folgendem Testosteronmangel bei relativ hohen Östrogenwerten deutlich aggressiver sind als normal. Und Mädchen, die wegen stark verspäteter Pubertät Östrogenpillen einnahmen, reagierten deutlich aggressiver als gleichaltrige Jungs, die aus dem gleichen Grund Testosteron schluckten. Zudem zeigten Tierversuche, daß aus beißwütigen Nagern friedfertige Mäuschen werden, wenn man ihnen die Fähigkeit entzieht, Östrogen zu bilden.

Müssen die Lehrbücher neu geschrieben werden? Noch nicht. "Wir wissen zuwenig über die Bedeutung der weiblichen Hormone für den Mann, etwa was die Östrogenproduktion reguliert und welche biologische Bedeutung sie für ihn hat", sagt der Würzburger Hormonforscher Bruno Allolio. Fraglich ist ebenso, wieviel Östrogen ein Mann normalerweise braucht und ob der Spiegel im Alter sinkt wie beim Testosteron. "Alles, was bisher dazu gesagt wurde, entbehrt weitgehend einer seriösen Grundlage, mangels harter Daten", bemängelt Allolio. "Nach bisherigen Erkenntnissen gibt es bei älteren Männern sogar eine relative Verschiebung zugunsten der Östrogene", meint Ursula Habenicht, Geschäftsführerin der Schering Forschungsgemeinschaft. Aber auch sie stellt fest: "Wir wissen nichts Konkretes."