Man hat den Eindruck, daß sich Bundespräsident Roman Herzog selbst Illusionen macht, wenn er meint, die Studierenden in bezug auf ihre Zukunft desillusionieren zu müssen. Den jungen Menschen an den Universitäten ist längst bewußt, daß ein Studienplatz keine Garantie mehr für einen Arbeitsplatz bedeutet. Die Zeiten der typisch männlichen ungebrochenen Normalbiographie in Arbeit und Gesellschaft sind vorbei. Nach Untersuchungen der EU muß sich in Zukunft jeder auf etwa drei verschiedene berufliche Tätigkeiten in seinem Erwerbsleben einstellen. Darauf muß der Wissenschafts- und Bildungsbereich vorbereiten.

Das Wehklagen über die langen Studienzeiten spiegelt in erster Linie die Tatsache wider, daß inzwischen siebzig Prozent aller Studierenden neben dem Studium arbeiten müssen. Die öffentliche Studienfinanzierung ist so gut wie abgeschafft, was der skandalös niedrige Anteil von fünfzehn Prozent Bafög-Empfängern belegt. Es gab Zeiten, da waren es fünfzig Prozent. Eine gesicherte Studienfinanzierung steht ganz oben auf der Liste notwendiger Veränderungen. Das weiß der Bundespräsident und mahnt eine grundlegende Bafög-Reform an. Nur leider vergißt er zu sagen: wie. Und was er auch verschweigt: Schon seit mehr als zwei Jahren wird diese Reform diskutiert.

Sie wurde zwischen dem Strukturkonservatismus von Bundesbildungsminister Jürgen Rüttgers und dem Widerstand der Finanzressorts zerrieben.

Ein zentrales Ziel der überfälligen Neugestaltung der Ausbildungsförderung muß sein, daß sie unabhängig vom Einkommen der Eltern ist. Die Studierenden sind schließlich erwachsene Menschen und sollten auch so behandelt werden.

Sie sollten allerdings nach Beendigung ihrer Ausbildung entsprechend ihrem Einkommen auch an der Studienfinanzierung beteiligt werden. Schließlich profitieren sie in intellektueller und meist auch in materieller Hinsicht von ihrem Studium und dem Hochschulabschluß. Der durchschnittliche Verdienst von Hochschulabsolventen liegt ab 45 Jahren deutlich über dem von Nichtakademikern. Wer also später zu den Bevorzugten gehört, sollte mit individueller Leistung und Solidarität für diejenigen einstehen, die nach ihnen studieren.

Ohne die Reform der Studienfinanzierung wird jede Studienreform auf der Strecke bleiben. Wer jetzt statt dessen den Weg in Richtung Verkürzung der Regelstudienzeit und Einführung von Studiengebühren geht, verschlimmert nur die Probleme, die eigentlich gelöst werden müssen. Gerade deswegen ist es bedauerlich, daß sich Roman Herzog zum Hochschulrahmengesetz (HRG) ausschweigt, das ihm in wenigen Wochen zur Unterschrift vorliegen wird. Zur gleichen Zeit versucht der Bundesbildungsminister Jürgen Rüttgers mit Macht, das Gesetz ohne Zustimmung der Länder durchzupeitschen. Hier hätte ein deutliches Wort des Bundespräsidenten einen wirklichen "Ruck" bedeuten können.

Vermutlich weiß Herzog genau, daß Studiengebühren die Finanzierungsprobleme unserer Hochschulen kaum lösen werden, aber er schweigt auch hier. Dieses Land kann es sich nach meiner Überzeugung nicht leisten, die geistige Elite aus der sozialen Elite zu rekrutieren.