Ursula Hegi ist gebürtige Deutsche der Nachkriegsgeneration, lebt seit ihrem 19. Lebensjahr in den USA und hat mehrere englischsprachige Bücher geschrieben, die in Amerika großen Anklang gefunden haben, keines mehr als der vorliegende Roman. "Die Andere" erzählt die Geschichte einer kleinen Stadt am Rhein namens Burgdorf vom Ersten Weltkrieg bis in die fünfziger Jahre. Eine Fülle von Figuren, Familien und Lebensbedingungen wird geschildert, beobachtet von Trudi Montag, einer Zwergin, die in der Nazizeit aufwächst und den ganzen Tratsch der Stadt mit sich herumträgt und weitergibt. Geschichtenerzählen ist ihre Leidenschaft, ihre Beobachtungsfähigkeit ist ihr großes Talent, und Trotz und Widerstandsfähigkeit sind ihre Tugenden.

Das Buch ist so detailbesessen wie die alten bürgerlichen Romane. Dabei ist es erklärlich, daß der Autorin Fehler unterlaufen für die Zeit, die sie nicht gekannt hat. Ein paar Beispiele: Der berüchtigte Vers "Wenn's Judenblut vom Messer spritzt ..." stammt nicht aus dem Horst-Wessel-Lied. Eine Frau, die 1942 aus Dachau entkommt, kann es nicht gegeben haben, da Dachau ein Männerlager war. Ausländische Zwangsarbeiter waren Verschleppte, keineswegs nur Kriegsgefangene.

Dazu die Unwahrscheinlichkeiten, die die Glaubwürdigkeit des Ganzen in Frage stellen: Dollars, die im Krieg per Post als Privatgeschenk aus Amerika kommen und mit denen man ohne Verdacht und ohne Berücksichtigung der Devisengesetze einfach einkaufen kann? Deutsche Juden, die trotz Assimilation eine Mesusa am Türpfosten hatten? Ein gesunder junger Mann, der während des ganzen Kriegs nicht eingezogen wird, nur weil er Brillenträger ist?

Noch gravierender als Fehler und Unwahrscheinlichkeiten ist der Ernst, mit dem Hegi die historische Situation festzuhalten bemüht ist und der ihr den Mut zur Originalität nimmt. Man wünscht sich weniger Einzelheiten und mehr Einbildungskraft. Die Idee der Zwergin als Mittelpunkt des Geschehens wäre originell, wenn wir nicht schon Oskar Matzerath aus der "Blechtrommel" hätten. Und der Vergleich fällt wahrlich nicht zu Trudi Montags Gunsten aus.

Statt des barocken Sprachwirbels, der bei Grass schon an und für sich eine Aussage über die aus den Fugen geratene Zeit enthält, werden hier zähflüssig die sicher sorgsam erforschten Schwierigkeiten einer Wachstumsbehinderten wiedergegeben, deren Andersartigkeit und außerordentlicher Charakter einander bedingen.

"Altmodisches" chronologisches Erzählen wird oft als Inbegriff von Unterhaltsamkeit verstanden, hat aber auch seine Tücken. Das lineare Aneinanderreihen von Episoden war eine Kunst, die man im 19. Jahrhundert besser beherrschte. Die Überschriften von Hegis Kapiteln sind Jahreszahlen, und ihre Figuren sprechen alle in demselben Tonfall. Aus dem braven Nacheinander geraten der Leserin diese fiktiven Menschen leicht durcheinander, man erinnert sich schlecht an das vor 200 Seiten Gelesene.

Mit Überraschungen ist nicht zu rechnen: Es passiert nichts Unerwartetes, und so lernt man auch nichts Neues. Daß die Heldin irgendwann einmal Juden im Keller verstecken wird, war vorauszusehen, denn das ist ein Lieblingstraum in der mittelseriösen deutschen Nachkriegsliteratur. Diese Geretteten (ein süßer Junge, eine undankbare Mutter) steigen mitten im Krieg einfach in die Eisenbahn und fahren in die Schweiz, was glücklich stimmt, wenn man vergißt, daß die Schweizer nicht erpicht waren, deutsche Juden bei sich aufzunehmen.