Ist David Hockney einfach zu nett? Zu charming, um das Leichthändige als Ideologie zu stemmen? Ohne diese lastende Ernsthaftigkeit, die revolutionär nennt, was so spielerisch entstand. Ohne die deutsche Gründlichkeit, die zu Problemfeldern macht, was beim lustvollen Hantieren mit dem Material, beim Experimentieren mit Polaroids, mit Faxgerät oder Computerdrucken herauskam: bunte Bilder, parallel zur Wirklichkeit. Hübsch verzerrte Ganzfigurenportraits. Miniaturstilleben von großer Delikatesse. Ordentliche Reihungen leicht verschobener Häuslichkeiten. Oder die ins Monumentale getriebene Darbietung aufgesplitterter Landschaft, so schlicht gedacht wie ein Panorama des 19. Jahrhunderts.

Möglichkeiten insgesamt, Realität mit Hilfe der Wahrnehmung photographischer Bilder und Bildpartikel zu erkennen: alles in allem die "Retrospektive Photoworks" des Museums Ludwig in Köln oder der Großversuch, überzeugend zu beweisen, was aus Photographie für den Hausgebrauch entsteht, wenn man wie Hockney ohnehin schon alles erreicht und eine rasante internationale Karriere bereits hinter sich hat. David Hockney, das ist ein malerisches und zeichnerisches OEuvre von bestechender Einprägsamkeit. Das sind Erfolge als Bühnenbildner, vor allem für die Oper. Schließlich ein Platz in der großen Tradition englischer Exzentriker. Was will er noch? Photo-Revolutionär sein?

Wohl kaum. Schon eher ein Flaneur.

"Ich finde es faszinierend, daß man in der Photographie, sobald man mit dem Manipulieren anfängt, im Grunde zum Zeichenblock zurückkehrt", sagt der Künstler in einem Katalog-Interview. Und legt noch etwas zu, wenn er den Computer einen "elektronischen Malkasten" nennt. Als David Hockney vor mehr als dreißig Jahren begann, die Wunder einer Welt jenseits von Bradford, seiner heimatlichen Kleinstadt in Yorkshire, zu suchen, und sich schließlich in der kalifornischen Sonne zwischen Pools, Palmen und schönen Knaben ansiedelte, da hatte er noch nicht viel übrig für die Photographie. Die Kamera war für ihn Hilfsmittel, zur Herstellung von Notizen geeignet und sonst einem "einäugigen Mann" vergleichbar, "der durch ein kleines Loch schaut - also, wieviel Realität soll dabei herauskommen"?

Aus den Notebooks wuchsen Botschaften. Aus den Photoalben wanderten die Bilder in das stereotype Raster von Photocollagen. Und dort verselbständigten sie sich zu kubistisch aufgefächerten, in Pseudobewegungen versetzte Kompositionen, in denen der Künstler seine Wirklichkeit wiederfindet: "Ich kehre zu dem alten chinesischen Gedanken zurück, daß die Landschaft uns umgibt und wir uns darin bewegen, weshalb die Perspektive verworfen wird, da diese vorgibt, man sei nicht da."

Die raumgreifende Ausstellung kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß Photographie allein dieses OEuvre nicht trägt. "Photoworks" existieren eben nicht im luftleeren Raum, sondern in selbstverständlicher Verschränkung, in spielerischer Symbiose mit der Malerei und mit den Bühnen Hockneys. Das wissen die Veranstalter - auch wenn sie es unterlassen, für ausreichende Vergleichsmöglichkeiten zu sorgen. Den Blick streng aufs Photographische gerichtet, konzentriert sich die Schau auf Hockneys neomedialen Bildwitz und dessen spezifische Equilibristik. Damit suggeriert sie den Computerkids unter den Besuchern, daß hier ein Altstar auf neuem Terrain brilliert. Und läßt uns übrige eher etwas melancholisch zurück. Immerhin: Dank sensibler Albumblätter und früher Atelierphotos (samt einigen wenigen Gemälden) bleibt kaum mehr, als eine vage Erinnerung an den Maler David Hockney.

Eine irrlichternde Facette des Werks ist diese Retrospektive. Weitgehend isoliert vom übrigen, gnadenlos unterhaltsam, fast so kitschig wie das Leben selbst - oder was Glanzpapierzeitschriften dafür halten. Nur eben raffinierter.