Der Euro kommt auf leisen Sohlen. Zwar wird die europäische Gemeinschaftswährung erst am 1. Januar 1999 starten. Doch zumindest auf dem Papier ist das künftige Geld schon präsent. Neue Vordrucke der Banken für Überweisungen, Lastschriften und Schecks enthalten ein Kästchen mit der Zeile "DM od. EUR". In diesem "Pflichtfeld" müssen die Kunden angeben, in welcher Währungseinheit sie zahlen wollen. Bis zum Jahresende geht dies weiterhin nur in D-Mark, anschließend wahlweise auch in der neuen Gemeinschaftswährung.

So behutsam sich der Euro in den Zahlungsverkehr einschleicht, so revolutionär ist sein Auftritt für die Anleger. Die einheitliche Währung wird die europäischen Finanzmärkte völlig umwälzen. Alexander Schrader, Volkswirt bei der Münchner Vereinsbank, spricht gar von einer "schöpferischen Zerstörung": Bisherige Marktsegmente verlieren ihre Geschäftsgrundlage, neue wachsen heran, und andere werden aus "ihrem Dornröschenschlaf erweckt".

Dieser historisch wohl einmalige Strukturbruch zwingt die Sparer zum Umdenken - und Umdisponieren. Zum einen können sie künftig aus einem wesentlich größeren Sortiment von Finanzprodukten wählen, ohne wie bisher Wechselkursschwankungen fürchten zu müssen. Zum anderen wird der Euro auch die Anlageschwerpunkte verschieben: Aktien und andere Risikopapiere erhalten zusätzliches Gewicht, Spareinlagen und Staatsanleihen verlieren an Bedeutung.

In der Tat, die Währungsunion geht weit über eine bloße Währungsumstellung hinaus. Der Euro katapultiert das europäische Finanzwesen vielmehr "in neue Dimensionen", schwärmen die Experten der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). Das gemeinsame Geld hebt die Grenzen auf und führt die bislang getrennten Kapitalmärkte der Mitgliedsstaaten zusammen. Es entsteht der zweitgrößte Renten- und der drittgrößte Aktienmarkt der Welt.

Mit der Quantität ändert sich auch die Qualität. Deutsche Versicherungen beispielsweise, die bislang vornehmlich in D-Mark investieren mußten, können künftig ihr Vermögen ohne weiteres in den anderen Ländern der Union anlegen.

Auch Privatleuten erleichtert der Wegfall des Währungsschleiers und der Wechselkursrisiken den Vergleich zwischen verschiedenen Euro-Finanzprodukten.

Das forciert den Wettbewerb. Staaten und Unternehmen, die Kapital aufnehmen möchten, müssen den Sparern attraktive Konditionen bieten, sowohl was Zinsen als auch Aktienkurse und Dividenden betrifft.