Manchmal, wenn die Verzweiflung am größten ist und die Gefühle unaussprechlich sind, hilft nur noch eins - das Singen. In Mozarts Singspiel "Die Entführung aus dem Serail" können alle Bühnenfiguren singen. Nur einer nicht: Bassa Selim, der orientalische Herrscher. "Sing, sing!" brüllt er deshalb vorwurfsvoll und wütend seine geliebte Konstanze an. Und Konstanze singt eine große ernste Arie.

Ein merkwürdiger Augenblick ist das in der Stuttgarter "Entführung", die Hans Neuenfels inszeniert hat: Man beginnt plötzlich - mitten in einer Oper - über das Singen an sich staunen, über dieses wundersame Phänomen der Grenzüberschreitung, der ganz anderen Seelenäußerung. Obwohl der Gesang in der Oper doch eigentlich der Normalfall ist. Aber in Stuttgart ist an diesem Abend alles anders. Dort sind es paradoxerweise die Opernhelden selbst, die sich den Gesang sehnsüchtig herbeiwünschen. "Bitte Musik, Herr Kapellmeister", wird da in den Orchestergraben gerufen, wenn die Konflikte sich zuspitzen. Und vor dem Todesduett von Konstanze und Belmonte fragt Blonde mitten hinein in die größte Gefühlsverwirrung: "Was tun die Kinder, wenn sie sich im dunklen Wald verirren? Singen!" Licht aus. Ganz eng rückt das Paar zusammen und beginnt: "Welch ein Geschick ..."

So etwas hat man in Mozarts Singspiel noch nicht gesehen: Die Protagonisten gehen immer wieder auf Distanz zu sich selbst und ihren Operngefühlen, treten gleichsam aus der Handlung heraus, um ihr Tun zu reflektieren. Mit einem riskanten Kunstgriff hat Neuenfels dies erreicht: Er hat Sprechrolle und Gesangspartie aufgespalten und die Figuren zweifach besetzt - mit Sängern und mit Schauspielern. Verdoppelt, mit identischen Kostümen stehen sie so auf der Bühne, streiten, lachen und leiden mit sich selbst. Ein ständiger Wechsel der Perspektiven entwickelt sich da voll von dramaturgischen Brechungen und psychologischen Ambivalenzen. Ein brillantes Spiel, in dem Witz und Tragik, detailgenaue Gefühlsstudien und surreale Verfremdung kaleidoskopartig ineinanderstürzen. Das Fremde ganz nah, das Nahe ganz fremd. Zum Beispiel bei Osmin (Roland Bracht und Johannes Terne), der mit abgeschlagenen Köpfen und aufgespießten Babies den orientalischen Barbaren gibt und doch nur harmlosen Theaterschrecken verbreitet. Zum Beispiel bei der doppelten Konstanze (mit großer Intensität gesungen von Catherine Naglestad und gesprochen von Emanuela von Frankenberg), die immer gleichzeitig zu erleben ist als Starke und als Leidende, als Unnahbare und als Empfindsame. Zum Beispiel bei Belmonte (Matthias Klink), der von seinem Alter-ego-Schatten (Alexander Bogner) in seiner Leidenschaft öfter gebremst werden muß. Eine lineare Entwicklung durchläuft nur Bassa Selim: vom wilden Terroristen zum zivilisierten Grandseigneur im Smoking. Und weil er nicht singen kann, hat er das allerletzte Wort in dieser Inszenierung. Ein Gedicht trägt er vor - Mörikes "Denk es, o Seele". "Das war schön, Bassa", sagt Konstanze. Stimmt.