Da stehen sie nun, die beiden Alten in ihren langen weißen Bademänteln, mitten in der vollgeparkten Tiefgarage, und kommen sich reichlich verloren vor. Eigentlich wollten sie ins Thermalbad. Aber irgendwie sind sie vom rechten Pfad abgekommen in diesem Labyrinth aus unebenen Wegen, bunten Bauwerken, Wiesen und Wasserflächen, das sich als "das weltweit größte, bewohnbare Gesamtkunstwerk" preist. Sie sind nicht die einzigen, die nach dem Speisesaal suchen oder nach der Sauna, die sich, mit ersten Anzeichen der Verzweiflung, mühen, mit Hilfe von bunten Armbanduhren verschlossene Türen elektronisch zu öffnen.

"Anders als das Andere" lautet der Slogan, mit dem schon Monate vor der Fertigstellung mit großem Rummel für ein Projekt geworben wurde, in dem zwei in ihrem Metier überaus erfolgreiche Männer eine Art Lebenswerk sehen: Robert Rogner, Bauunternehmer, und Friedensreich Hundertwasser, Künstler, haben dem steirischen Thermenland eine weitere Anlage beschert, das Rogner-Bad Blumau.

Seit Mai vergangenen Jahres ist es in Betrieb, und die Neugierigen - rund 200 000 pilgerten schon zur Baustelle - bescheren dem 600-Betten-Komplex eine Auslastung von 80 Prozent. Junge Pärchen, soignierte ältere Herrschaften, Familien mit Kindern, Großeltern mit Enkeln nutzten das Sonderangebot in den Sommermonaten: "Super", "wirklich mal was ganz anderes", "an jeder Ecke ein neuer Blickfang".

Auf einer Fläche von knapp vierzig Hektar ist innerhalb von vier Jahren unweit der Gemeinde Blumau, etwa sechzig Kilometer östlich von Graz, ein gewaltiger ober- und unterirdischer Komplex entstanden mit einem Thermalbad für 1200 Besucher, mit 247 Zimmern und 24 Appartements, mit einem Therapieturm für ganzheitliche Behandlung, mit einem Tagungsbereich für bis zu 200 Teilnehmer. Gesamtaufwand: fast 140 Millionen Mark.

Hundertwasser zum Sattsehen. Schon von weitem grüßt eine goldzwiebelgekrönte, begrünte, rosa Sprungschanze, das Stammhaus. Mit Rehrücken assoziiert Hundertwasser das Ziegel- und das dahinter gelegene Kunsthaus, im Boden ruhen die Waldhäuser. In der Mitte der Anlage sind große Freiluftplanschbecken plaziert, flankiert vom Gesundheitsturm mit der Grundfarbe Grau.

Sofort wird der Besucher aufgesogen vom Wirrwarr der Farben und Formen. Gänge wie riesige Teerseen, eingedämmt nur von Kacheln, die sich die Wände hinaufschwingen. Bucklige Wege und geschwungene Treppen, die schon vor dem ersten Schluck Wein trunken machen. Nur mit Mühe und dem Verweis auf die steirische Bauordnung konnte der Meister davon abgehalten werden, auch noch die Abstände zwischen den Stufen künstlerisch zu variieren. "Die Apartheid der Fenster-Rassen muß aufhören", so sein Postulat, "Fenster müssen tanzen können." Mehr als 1500 tun es, rund und eckig, rot blau oder gelb, breit und schmal. Zusätzlich gestaltet von den Urlaubern mit Kunstwerken aus trocknenden Badehosen und -laken. Ziegeladern ranken sich an Wänden hoch.

Schon habe er, erzählt Hoteldirektor Hackl, Handwerker beobachtet, die mit ihren Familien kommen, um stolz auf ihre kleinen Kunstwerke aufmerksam zu machen. Schwankend von all den welligen Formen, berauscht von den Farben der Türen, Fenster, Fassadenflächen, schafft es der Feriengast nicht mehr, den vielfältigen, aber korrekten Wegweisern zu folgen, Grundprinzip: zur einen Seite zum Essen, zur anderen zum Baden.