Seine Kleidung hat Dieter S. sorgsam ausgesucht: eine abgewetzte blaue Hose, unscheinbare braune Schuhe, eine alte Lederjacke. Die besseren Stücke hat er mit Bedacht im Schrank gelassen: Vor dem Hamburger Amtsgericht wird der 54jährige Taxifahrer heute als "Markenpirat" angeklagt. Er soll nachgemachte Luxusgüter aus Thailand, der Heimat seiner Frau, nach Deutschland eingeführt und hier verkauft haben.

Zuerst habe er die Sachen mit den begehrten Labels nur für sich selbst mitgebracht, erzählt der Angeklagte. "Ich bin da mit meiner Frau so rüber, da hat sich das ergeben." Überall in Thailand würden die Edelwaren angeboten: "Dann ist noch Platz im Koffer, und das liegt da für günstiges Geld. Das verführt." Er führt an, daß viele Touristen angesichts der Schnäppchenpreise für sonst unerschwingliche Statussymbole in einen Kaufrausch verfielen. Erst hinterher merke man, daß manches ja nur "Tinnef" sei, weiß der Angeklagte heute.

Damals beglückte der Hobbykaufmann den eigenen Freundes- und Verwandtenkreis mit den günstigen Importen. "Die waren alle spitz auf das Zeug." Frauen gerieten schier aus dem Häuschen, als sie fast echte Seidentücher von Chanel aus Thailand zum Preis eines Leinentaschentuchs ergattern konnten. Denn selbst nachdem Herr S. hundert Prozent Handelsspanne auf den Einkaufspreis aufgeschlagen hatte, blieben die Imitate immer noch sensationell günstig.

Ralph-Lauren-Polohemden gingen beispielsweise für zwanzig Mark weg.

Doch bald stellten die Importe S. vor immer größere Probleme. Daher sollten zwei Freunde die überschüssigen Bestände auf Kommissionsbasis unter die Leute bringen. Herr S. übernahm den Nachschub aus Thailand. Vielleicht glaubte er, auf diese Weise die Kosten für die regelmäßigen Fernreisen zu den Schwiegereltern wieder hereinwirtschaften zu können. "Ein kleiner Nebenverdienst sollte das schon sein", gibt er heute kleinlaut zu.

Alles wäre unbemerkt geblieben, wäre Dieter S. nicht im Herbst 1994 mit seinen prallgefüllten Koffern in eine Zollkontrolle geraten. Eine Hausdurchsuchung folgte, und den dort aufgespürten Notizen entnahmen die Beamten, daß S. nach und nach zwischen achtzig und hundert Einzelteile illegal eingeführt und weiterverkauft hatte. Offenbar konnten die Kunden aus einem breiten Sortiment auswählen: Wolljacken von Boss, Jeans von Lee und Levis, Lacoste-Hemden und Nobeluhren - die Liste nimmt kein Ende.

"Tja, das kann schon alles sein", räumt Herr S. ein, auch wenn er sich heute gar nicht mehr vorstellen könne, wie er "das ganze Zeug" in seinen Koffern untergebracht habe. Auch daß es sich nicht um Markenware gehandelt habe, sei ihm bewußt gewesen: "Na klar, das sind alles Fälschungen, Herr Richter. Für dreißig Mark gibt es auch in Thailand keine echte Rolex." Aber so schlau seien seine Abnehmer schließlich auch gewesen: "Nicht daß Sie hier denken, ich hätte die Leute übers Ohr gehauen." Und selbstverständlich habe er nicht geahnt, daß dieses kleine Gewerbe verboten sei: "Sonst hätte ich doch die Finger davon gelassen." Jetzt aber gebe es "mächtig Ärger": Zoll und Steuer, alle sitzen ihm im Nacken.