Kleine Pannen können großen Projekten einen, wie es so schön heißt, humanen Anstrich geben. Da hat sich also eine Gruppe honoriger Professoren aus einem bunten Strauß akademischer Disziplinen drei Jahre lang durch die Instanzen diskutiert, um die verlorene Einheit der Wissenschaften wiederzugewinnen. Und was geschieht zur Eröffnungsfeier ihres Humanwissenschaftlichen Zentrums (HWZ) am Mittwoch vergangener Woche? In der pompös-neugriechischen Großen Aula im Hauptgebäude der Universität München ist's lausig kalt.

Also schreiten die Professores mit Schal und Mantel aufs Podium, geben einem klammen Publikum in knappen Worten den Blickwinkel ihrer jeweiligen Fachwissenschaft auf das Phänomen Mensch kund. Heinz Mandl von der Fakultät für Psychologie und Pädagogik empfiehlt Wissensmanagement als Rettungsring in der Informationsflut. Der Biologe Thomas Cremer doziert über Humangenomforschung und Vorhersagemedizin. Der Philosoph Wilhelm Vossenkuhl umreißt die Bioethik. Der Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt zeigt "Perspektiven einer Kulturethologie" auf. Der Kulturwissenschaftler Thomas Höllmann spricht "vom Bart und seiner Bedeutung in China". Der Jurist Hans-Ulrich Gallwas verrät seine Enttäuschung ("die Universität hat aufgehört, Universität zu sein"), seinen Traum ("die Studierenden aus dem enzyklopädischen Sog herauszuführen") und seine Perspektive ("mit dem Humanwissenschaftlichen Zentrum die Enttäuschung der Universität hinter sich zu lassen").

"Die naturwissenschaftliche Sicht tut nicht immer gut"

So richtig warm ums Herz will dem auf ganzheitlichen Glanz hoffenden Zuhörer noch nicht werden. Ernst Pöppel - medizinischer Psychologe, Hirnforscher, Spiritus rector des Humanwissenschaftlichen Zentrums und dessen geschäftsführender Vorstand - holt mit der ihm eigenen Eloquenz das Publikum dann doch noch aus der Kältestarre. Es gehe seinen Kollegen und ihm nicht um einen beliebigen Holismus, sondern um eine sinnvolle Integration von Spezialwissen und Gesamtschau: Wissenschaftler sollten "in einem Gebiet hervorragend qualifiziert sein, aber zugleich eine geistige Landkarte, eine Syntopie, entwickeln".

Ein Beispiel, wie sich eine ganze Fachdisziplin mangels geistiger Landkarte hoffnungslos verirren kann, hat Pöppel selbstredend parat. Bei ihrem Bemühen, Computern künstliche Intelligenz (KI) beizubringen, seien die klassischen KI-Forscher "kläglich gescheitert". Denn sie hätten nicht beachtet, was Verhaltensforscher seit Konrad Lorenz und Hirnforscher in den letzten Jahrzehnten herausfanden: "Wesentliche Information wird im menschlichen Gehirn implizit - ohne bewußte Repräsentation - verarbeitet."

Aber das ist nur ein Nebenkriegsschauplatz. Zentrale Arena für die HWZ-Gründer im Streit mit den Reduktionisten ist die Biomedizin, die Leitwissenschaft der Postmoderne. Ernst Pöppel reißt das Problem der Erkrankungen des Gehirns in einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft an: Kosten in Deutschland pro Jahr mindestens hundert Milliarden Mark. Wulf Schiefenhövel, Ethnomediziner am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Andechs, listet einen ganzen Katalog mit Themen der "evolutionären Medizin" auf, die sich dem kleinkarierten Raster der Molekularbiologie entziehen: von Anorexie (Magersucht) über Depression, Geburtsverhalten und plötzlichen Kindstod bis zu Streß. "Die Sichtweisen der Naturwissenschaften", kritisiert der Forscher, der schon einmal knapp zwei Jahre mit Steinzeitmenschen auf Neuguinea lebte, "haben sich auch in Bereiche der Gesellschaft ausgebreitet, denen sie nicht guttut."

Für Schiefenhövel und seinen Kollegen Irenäus Eibl-Eibesfeldt von der Forschungsstelle für Humanethologie des Max-Planck-Instituts für Verhaltensphysiologie ist das HWZ mehr als ein zusätzliches akademisches Forum: Für sie ist es ein Refugium. Denn ihre Abteilungen will die Max-Planck-Gesellschaft im Rahmen von Sparmaßnahmen und Umlagerungen zugunsten frisch gegründeter Institute in den neuen Bundesländern schließen.