Vielleicht sind die Bosse der Pharmabranche doch die letzten Cowboys dieser Erde. "Hello Jan, hier spricht Rick", meldete sich am Dienstag der vergangenen Woche der quirlige Boß des Pharmakonzerns Glaxo Wellcome, Richard Sykes (55), bei seinem Kollegen Jan Leschly . Der 57jährige hatte früher mal als Tennisspieler Pokale geholt und führt jetzt ebenfalls ein Pharmaunternehmen, Smith Kline Beecham (SB), mit Sitz in Britannien und den Vereinigten Staaten. "Ich habe gelesen, daß ihr in Fusionsverhandlungen steht. Viel lieber würde ich die Sache aber mit dir machen, was hältst du davon?" Dem Jan gefiel die Idee. Am Freitag war alles abgemacht, die bereits öffentlich angekündigten Fusionsverhandlungen zwischen SB und dem US-Konkurrenten American Home Products wurden kurzerhand wieder abgesagt.

So etwa soll es zugegangen sein, bevor am Wochenende die Sensation publik wurde: Die britischen Pharmariesen Glaxo Wellcome und SmithKline Beecham wollen zu einem Konzern mit einem wahrhaft gigantischen Börsenwert von nahezu 300 Milliarden Mark fusionieren. Es wäre die größte Fusion aller Zeiten, die den mächtigsten Pharmakonzern der Welt hervorbringt, der auch in der Rangliste aller Industrieunternehmen dem Wert nach auf den dritten Platz hinter General Electric und dem Ölriesen Royal Dutch/Shell vorstößt.

Zehntausend Jobs stehen auf dem Spiel

Elektrisiert stürzten sich die Aktienhändler zum Wochenbeginn in den größten Einkaufsrausch seit langem. Nur mit den Gewerkschaften hat bisher keiner geredet. "Willkommen in der Welt der britischen Arbeitsbeziehungen", grummelt denn auch Gewerkschaftssprecher Colin Atkins. Er fürchtet, daß ein Zehntel der zusammengerechnet 110 000 Jobs der beiden Unternehmen verlorengeht. "Wir haben hier jede Menge besorgter Mitglieder vor der Tür, die gerne wissen würden, wie ihre Zukunft aussieht", berichtet Atkins.

Warum gerade in der Pharmabranche soviel Aktionismus, soviel Gier nach Größe?

Die Fusionitis ist kein neuer Virus - doch früher hatten Unternehmen vor allem aus strategischen Gründen gemeinsame Sache gemacht, etwa um Anschluß zur Spitze zu halten. Jetzt sind es nicht zwei kleine Unternehmen, die sich zusammentun, oder der Große, der den Kleinen schluckt, jetzt sind es die Branchenriesen selbst, die fusionieren und damit in neue Dimensionen aufbrechen.

Die Hochzeit zwischen Glaxo Wellcome und SmithKline Beecham ist nur der vorläufige Höhepunkt einer ganzen Welle: Erst 1995 verschmolzen Wellcome und Glaxo, die schwedische Pharmacia und die amerikanische Upjohn, die amerikanische Marion Merrell Dow und Hoechst, im März 1996 fusionierten die Schweizer Konzerne Sandoz und Ciba-Geigy zu Novartis.