Eine junge Frau fährt in die Ferien. Im Urlaubsort klagt sie plötzlich über Schmerzen im rechten Unterbauch. Die Zwanzigjährige wird sofort ins nächste Krankenhaus gebracht. Was fehlt der Frau? Wie muß sie behandelt werden?

Jeder angehende Mediziner sollte diese Fragen beantworten können - das erwartet zumindest der Laie und potentielle Patient. Doch vielen jungen Ärzten treten angesichts derart praktischer und lebensnaher Probleme die Schweißperlen auf die Stirn. "Im Studium werden wir mit theoretischem Spezialwissen vollgestopft, das Lernen in der Praxis dagegen kommt zu kurz", meint Hanna Kaduszkiewicz, Studentenvertreterin in Hamburg. "Seit über achtzig Jahren fordern Kritiker eine grundlegende Reform des Medizinstudiums, doch getan hat sich bis heute nichts."

Anders an der Universität München. Dort hat eine Umstrukturierung des Studiums nach dem Modell der Harvard Medical School im amerikanischen Boston begonnen, initiiert von einer kleinen Reformgruppe um den Studiendekan Klaus Peter. "Problemorientiertes Lernen" (POL) heißt das Zauberwort, mit dem die Praxis vermittelt werden soll: Statt das ärztliche Wissen in mehr als vierzig Fächer zu zerstückeln und diese der Reihe nach abzustudieren, untersuchen die Münchner Studenten Krankheitsgeschichten realer Patienten.

Nach amerikanischem Vorbild arbeiten Studenten in Gruppen Beispiel Niere: Früher wurde das Organ im ersten Jahr in der Anatomie studiert, im zweiten in der Biochemie, dann in der Physiologie, später in der Pathologie und schließlich in der Urologie. Doch jetzt lernen die Studenten Erkrankungen der Niere und deren Therapie anhand konkreter Patientenbeispiele, wobei alle Fachrichtungen zur gleichen Zeit berücksichtigt werden. Herzstück des Unterrichts ist die Kleingruppe. Acht Studenten recherchieren und diskutieren unter Anleitung eines Tutors Bücher und Artikel zu einem bestimmten Leiden. Diese Art des Lernens soll es den angehenden Ärzten ermöglichen, Fortschritte in der Heilkunst zu beurteilen und anzuwenden.

Das Konzept haben Mediziner an der McMasters-Universität im kanadischen Hamilton entwickelt. Hochschulen in aller Welt praktizieren es seit inzwischen zwanzig Jahren, unter anderem die Harvard Medical School.

Und Deutschland? Hier liegen die Konzepte der Reformer in der Schublade - heißen sie nun Berliner Reformstudiengang Medizin oder Reformentwurf des Murrhardter Kreises. Die erzkonservativen Ordinarien verhindern jeden Wandel.

Für sie ist die Naturwissenschaft das Nonplusultra. Die alte Frontalvorlesung sei die Königin der Lehre, psychosoziale Fächer seien bloßes Geschwätz, und Diskussion in der Kleingruppe sei der Anfang der Anarchie - so könnte man die Einstellung des medizinischen Fakultätentages karikieren. Der hat bisher alle Reformpläne vereitelt, wobei er seit Jahren dasselbe Argument vorschiebt: Es gebe zu viele Studenten. Dabei hat der Abbau von Studienplätzen in der Vergangenheit noch nie zu einer Reform der Medizinerausbildung geführt.