Die ZEIT wird, gemeinsam mit dem Spiegel, das Verfassungsgericht anrufen, falls der Bundesrat den Lauschangriff auf Journalisten zuläßt.

Dieses Blatt hat von Anfang an die Meinung vertreten: Der Staat geht zu weit, wenn er unbescholtene Menschen zu Hause oder bei der Arbeit aushorcht, mit Hilfe von Wanzen und dergleichen mehr. "Die Wohnung ist unverletzlich", bestimmt Artikel 13 des Grundgesetzes. Das ist kein leeres Wort, darf es auch nicht werden.

Doch dem großen Lauschangriff hat leider eine sehr seltene, sehr seltsame Große Koalition von Christ- und Sozialdemokraten im Bundestag zugestimmt.

Mitte Januar haben zwei Drittel der Abgeordneten (auch aus der ehemals liberalen FDP) den Artikel 13 der Verfassung geändert und überdies im Ausführungsgesetz - in der Strafprozeßordnung - verfügt: Alle können ausgehorcht werden, nur nicht die Strafverteidiger, die Geistlichen und - o Wunder! - die Volksvertreter.

Bürgerinnen und Bürger brauchen nach wie vor Schutz vor Übergriffen des Staates, wie ihn Artikel 13 bietet. Besonderen Schutz braucht (und genießt in den meisten Demokratien) die Presse. Wer Redaktionen ausspionieren möchte, notfalls die Büros und privaten Wohnungen von Journalisten verwanzen will, der höhlt auch Artikel 5 des Grundgesetzes aus: jenen Artikel, der aus gutem Grund weit vorn in der deutschen Verfassung steht und die Pressefreiheit gewährleistet.

Wird es soweit kommen? Wenn ja, werden wir uns wehren, auch im Interesse der ZEIT-Leser. Ein Staat, der sich Lauschangriffe auf die Presse gestattet, behindert alle unbequemen Journalisten und verunsichert ihre Gesprächspartner. Die Angst, vielleicht doch abgehört zu werden, verhindert oder verfälscht heute schon so manches Telephongespräch. Gehemmt sind nicht nur die "Informanten", die Redaktionen Geheimes zutragen, sondern, viel banaler, auch Auskunftspersonen mit vertraulichem Hintergrundwissen, die ein Redakteur anruft, um eine Nachricht besser zu verstehen und einzuordnen.

Jetzt, nach der Vorentscheidung des Bundestages, hängt alles vom Bundesrat ab. Die Länderkammer will an diesem Freitag über den Lauschangriff beraten.