Der Generaldirektor des niederländischen Arbeitsministeriums, Hans Borstlap, zitiert Winston Churchill, wenn Deutsche nach dem Erfolgsrezept gegen die Arbeitslosigkeit fragen. "Blut, Schweiß und Tränen", empfiehlt der Spitzenbeamte und mahnt: "Sie müssen dies lange ertragen."

Der Holländer, der auf Erfahrungen im eigenen Land verweisen kann, hat recht - im Gegensatz zu Politikern hierzulande, die immer noch die Illusion verbreiten, man könne die Beschäftigungskrise durch Verteilen neuer Wohltaten lösen. Großzügige Steuergeschenke nach dem Koalitionsmodell oder kräftige Lohnerhöhungen, wie SPD-Chef Oskar Lafontaine empfiehlt, sind die falschen Rezepte. Sie wiegen die Bürger nur in trügerischen Hoffnungen und machen eine Umkehr noch schwieriger. Wer es wirklich ernst meint mit dem Kampf gegen die Massenarbeitslosigkeit, muß allen Opfer abverlangen.

Nahezu fünf Millionen offiziell registrierte Arbeitslose im Januar: Die neue Rekordmarke zeigt die verheerenden Folgen der bisher betriebenen Politik von Regierung und Bundesbank, von Gewerkschaften und Arbeitgebern. Und wenn nichts geschieht, wird, von vorübergehenden konjunkturellen Besserungen abgesehen, das Heer der Arbeitslosen weiter anwachsen. "Die Arbeitslosigkeit hat in jeder Rezession um 800 000 bis eine Million zugenommen", konstatiert der Kieler Wirtschaftsprofessor Horst Siebert, "und die nächste Rezession kommt bestimmt."

Schon als Mitte der siebziger Jahre die Zahl der Erwerbslosen im Westen zum ersten Mal die Millionengrenze überstieg, erklärten Politiker und Tarifpartner den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit zur zentralen Aufgabe. Doch die Ankündigungen blieben weitgehend ohne Folgen. Es dominierten die Interessen der übergroßen Mehrheit der Insider mit dem Ziel der Besitzstandsmehrung, wenigstens der Besitzstandswahrung. Daß die Interessen der Outsider, der vom Arbeitsprozeß Ausgeschlossenen, ins Hintertreffen gerieten, wurde in Kauf genommen.

Doch die Finanzierung der Massenarbeitslosigkeit bedroht zunehmend die Arbeitsplätze der Insider. Immerhin addieren sich die Kosten der Erwerbslosigkeit - die Summe aus direkten Hilfen und Einnahmeausfällen von Sozialkassen und Fiskus - auf mehr als 160 Milliarden Mark im Jahr. Daß die Sozialversicherungen auch noch die Folgen der deutschen Einheit und der Bevölkerungsentwicklung verkraften müssen, macht das Problem noch größer: Entgegen allen Bonner Versprechen sind die Beitragssätze zur Sozialversicherung seit 1991 von 35,2 Prozent auf über 42 Prozent der Bruttolöhne geklettert. Unternehmerlobbyisten, aber auch Sozialdemokraten wie Gerhard Schröder beklagen, daß der Faktor Arbeit zu teuer geworden ist.

Ziel des überfälligen Umsteuerns kann jedoch nicht ein Kapitalismus pur sein. Deshalb ist die Forderung des amerikanischen Ökonomen Paul Krugmann, das Sozialsystem in Deutschland gehöre "mit der Axt durchforstet", fehl am Platze. Dasselbe gilt auch für ein starres Festhalten an einem Sozialsystem, das selbst zum Hindernis für mehr Beschäftigung geworden ist. Notwendig ist ein - neuer - dritter Weg: eine Mischung, die dem Markt und den Unternehmen mehr Spielraum läßt, aber auch das Anwachsen sozialer Ungleichheit und inakzeptabler gesellschaftlicher Gegensätze verhindert.

Voraussetzung für eine dauerhafte Wende am Arbeitsmarkt ist mehr Wirtschaftswachstum. Bisher hat die fatale Kombination von Theo Waigels Finanzpolitik, die einem Zahlenlotto gleicht, und hartem Gegensteuern der Notenbank die Wachstumsspielräume unvertretbar beschnitten. Dreißig Prozent der Arbeitsplatzverluste führen Ökonomen auf die mangelnde Abstimmung von Fiskal- und Geldpolitik zurück. Beschäftigungsprogramme, wie sie die nervös gewordene Koalition jetzt in Gang setzt, sind dafür kein Ausgleich.