Ungefähr mit vier Monaten antwortet ein Baby auf Blicke mit einem freundlichen Glucksen und beginnt, Blasreiblaute und Lippenlaute zu formen: "rrr, w, m, b." Michael Kearney konfrontierte seine Eltern in diesem Alter mit dem Satz: "Mom, Dad, was gibt's zu essen?" Mit acht Monaten, wenn es Gleichaltrige gerade auf "dada, dada, mama, papa" bringen, rief Michael im Supermarkt einen Menschenauflauf hervor, als er aus dem Kinderwagen heraus laut Werbeplakate und Produktnamen vorlas.

Michael, äußerlich ein ganz normales Kleinkind, ist hochbegabt. Für die amerikanische Psychologin Ellen Winner ist er ein Beispiel für ein Phänomen, das wie kaum ein anderes mit intellektuellen, emotionalen und politischen Fehlurteilen befrachtet ist. In ihrem neuen Buch "Hochbegabt" beschreibt Ellen Winner die "Mythen und Realitäten von außergewöhnlichen Kindern" (erscheint Mitte Februar bei Klett-Cotta, 420 Seiten, 78 Mark) und räumt dabei mit so manchem Vorurteil auf.

"Wir haben offenbar die Neigung, hochbegabte Kinder entweder zu idealisieren oder rundweg abzulehnen", lautet ihr Befund. Während beispielsweise in den USA eine Tendenz zur Idealisierung herrscht - der kleine Michael Kearney avancierte im Alter von zehn Jahren als jüngster College-Absolvent in der Geschichte Amerikas zum Medienstar -, überwiegen in Deutschland die Vorbehalte. Die öffentliche Meinung pendelt zwischen der Abneigung gegen die vermeintlichen kleinen Streber und der Vorstellung, daß die jugendlichen Überflieger in Wahrheit verhaltensgestörte, vereinsamte Opfer ihrer Intelligenz sind - zwei Positionen, in denen sich für Ellen Winner die Schwierigkeiten dieser Gesellschaft spiegeln, mit dem Außerordentlichen umzugehen.

Die Wissenschaft streitet nach wie vor über das Phänomen der Hochbegabung. Ist sie angeboren, oder sie ist durch gezielte Förderung erlernbar? Beides ist nicht eindeutig voneinander zu trennen, meint Winner. Manche Kinder kommen als Hochbegabte auf die Welt, doch wenn sie nicht besonders behandelt werden, kann sich ihre Begabung nicht entfalten. Oft wird dabei als Maßstab für die Begabung eines Kindes der Intelligenzquotient (IQ) ermittelt. Dieser Wert, der bei der Hälfte aller Menschen etwa zwischen 90 und 109, bei promovierten Akademikern bei rund 130 und nur bei einem von 10 000 bis 30 000 bei über 160 liegt, ist für Ellen Winner allerdings kein aussagekräftiges Kriterium. Mit den verschiedenen IQ-Tests werde nur ein begrenztes Spektrum menschlicher Fähigkeiten gemessen, vor allem mathematisches und sprachliches Vermögen.

Zwar haben hochbegabte Kinder oft einen sehr hohen IQ - der kleine Michael Kearney verfügt etwa über einen Intelligenzgrad von über 200, einen Wert, den von einer Million Menschen höchstens einer erreicht und der Michael selbst unter den "universell Hochbegabten" zu einer herausragenden Ausnahme macht. Doch das umfassende Phänomen kindlicher Hochbegabung ist so komplex, daß es mit dem IQ allein nicht annähernd beschrieben werden kann. Musikalisch oder zeichnerisch besonders talentierten Kindern zum Beispiel werden solche Tests nicht gerecht.

Ellen Winner warnt freilich auch davor, jedes überdurchschnittlich begabte Kind gleich zu einer Hochbegabung zu stilisieren. Sie hält weder sich selbst noch ihren Mann, den erfolgreichen Intelligenzforscher Howard Gardner, noch den gemeinsamen kleinen Sohn für genial - auch wenn sie hin und wieder den eigenen Sprößling bei der Hochbegabtenforschung einspannt. So erhielt er einmal den Auftrag, einen gleichaltrigen Kandidaten auf sein Sozialverhalten hin zu testen. Als der hochbegabte junge Gast nach einem gezielten Treffer mit dem Stoffball schreiend zu Boden sank, als habe ihn ein Gewehrschuß niedergestreckt, war für den Forscher-Sohn der Befund eindeutig: "Not normal, Mom."

Vielen Eltern sind hochbegabte Sprößlinge eher peinlich