Gisela von Wysocki, Autorin:

Der Mann ist geistig geröntgt, literaturgeschichtlich entbeint, moralisch verschrottet worden. Was man jetzt noch sagen könnte, bewegt sich im leeren Raum, in der vierten Dimension.

Ein Fantomas, zu Lebzeiten schon, dessen Spektrum vom erhobenen Zeigefinger des Diamat bis zur Schlaumeierei des Schlawiners reichte. "Avantgarde", sagte Marieluise Fleisser und handelte unter diesem Begriff den ganzen Kerl als Titelhelden ihrer Erzählung schwungvoll ab. Sie selber von Schrammen übersät, von Verätzungen gezeichnet. Das ist nicht wenig bei dieser Wagemutigen, die geglaubt hatte, ohne mit der Wimper zu zucken, den Härtetest ihres Lebens bestehen zu können: mitten in München einem Alien zu begegnen. Ein ungezogener Professor Higgins der modern times, der keulenschwingend aus dem tiefen Wald zu kommen schien. Als erste Anschaffung für die Berliner Wohnung besorgte er sich eine Axt, um Nägel einzuschlagen. "Langsam, jedoch unaufhaltsam wurde das Problem der großen Städte lösbar", schrieb er über das Verhältnis von Axt und Nagel. Ungeschlachter Tamerlan oder geschmeidiger Mackie Messer: ein Vexierbild jedenfalls, ein bereits postmodernes.

Deshalb wollen wir ihm nicht mit Nachdenklichkeit kommen. Nehmen wir erstaunt zur Kenntnis, was daraus wird, wenn jemand das Tempo, die Stadt, die Evolution und das Maulaufreißen systematisch überschätzt. Das ist schon sehenswert. Hörenswert. Ein movie besonderer Art. Es gibt bessere Menschen als ihn, aber auch weniger inspirierte.

Erfindungen oder Patzer, es kommt nicht wirklich darauf an. Die gute Sichtbarkeit der Dinge war das einzig Entscheidende. Der Mann wollte keine Schauspieler auf der Bühne sehen, sondern Protagonisten. Kompakte, schwergewichtige Bedeuter. Unübersehbar wie der Preisboxer Paul Samson-Körner oder die im Zeitraffer aufblühenden Blumen im Kino. Fintenreiche Organismen, beschleunigte, sprungbereite Wachstumsprozesse. Möglichst monströse Ableger sollten es sein, Verwandte der eigenen "frechen" Erbmasse. Der Weigel schrieb er, sie möge den Sohn zur Unterhaltung mit einer Maschine "auf 3-5 Millimeter kahlscheren". Er wollte den nackten Schädel sehen. Im übrigen fand er Kinder als literarische Objekte ungeeignet: zu weise, zu defektlos, um interessant zu sein. Man muß daraus schließen, daß er die Literatur den Abweichlern, den Mängelwesen, den Überlebensgroßen oder den zu klein Geratenen zugehörig sah. Und recht hatte er.

Da sieht man es wieder! Schon mischt man selber mit beim Brecht-ist-ein-Unhold-Spiel, der Mann bietet sich halt dazu an. Geradezu generalstabsmäßig, deutsch-konsequent hat er sich in diese Rolle hineinmutiert; zielstrebig an sich als Widerling gearbeitet. Das allein schon verdient die Anerkennung des Publikums. Den Anstrich des Guten putzt man den Leuten schnell von der Haut. Das Böse haftet besser, es ist von einem anderen, haltbareren Stoff. Und viel geeigneter, von sich reden zu machen als die guten Taten, die gut vor allem dann sind, wenn sie im verborgenen blühen.

Von dieser Wahrheit muß er früh gewußt haben. Mit dem Schauspieler Hans Albers verband ihn das Gespür für große Auftritte. Mit diversen napoleonischen Überzeugungstätern der Geschichte das Geschick, aus der eigenen Person ein Unikat zu zimmern.