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In diesen Tagen hat Microsoft viele Gerichtstermine. Die Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Justizministerium um die Bündelung des Internet-Browsers geht in die nächste Runde. Am vergangenen Wochenende machte eine 51seitige Kurzdarstellung die Runde, in der besonders Zweifel an der Kompetenz der Sachverständigen geübt wird. Da trifft es sich gut, daß der Softwareriese in einem anderen Verfahren gar nicht mehr anzutreten braucht: Das höchste US-Gericht schlug in der letzten Woche eine Berufung von Microsoft ohne weitere mündliche Verhandlung nieder. Es ging um eine Auseinandersetzung mit freien Mitarbeitern, die als selbständige Subunternehmer in der Softwarebranche beschäftigt worden waren.

Auslöser des Gerichtsstreits waren stock options, Aktienanteile an der Firma, die in der gesamten Computerbranche eine sehr wichtige Rolle bei der Entlohnung der Mitarbeiter spielen. Sie sind als Kompensation für die enorme Hetze in der Soft- und Hardwareproduktion angelegt: Kommt eine Firma mit einem Produkt groß heraus, steigen die Aktien und damit das Zubrot der Ingenieure und Programmierer. Noch besser sind die Perspektiven dieser Optionen, wenn die Firma noch gar nicht an der Börse notiert wird: Gelingt dann der Börsengang, so werden viele Techniker über Nacht zu Millionären.

Im Jahr 1986 führte Microsoft USA sein Aktienprogramm ein: Jeder Mitarbeiter kann sich alle sechs Monate entscheiden, ob er von seinem Salär Microsoft-Aktien zu 85 Prozent des Tageswertes kauft oder ob er sich den vollen Lohn ausbezahlen läßt. Dieses Programm war Anlaß einer Klage von acht ausländischen Microsoft-Mitarbeitern, die 1987 und 1988 als "unabhängige Subunternehmer" beschäftigt worden waren. Damals wurde ihnen erklärt, daß sie aufgrund ihrer beschränkten Arbeitserlaubnis kein Anrecht auf derartige Vergünstigungen hätten.

Nun haben die acht nach langem Hickhack in letzter Instanz gewonnen: Auch Arbeitnehmer, die mit befristeten Visa ausgestattet sind, gelten als vollwertige Angestellte. Die Klagelieder der Industrie ließen nach diesem Urteil nicht lange auf sich warten. Von einem "unabsehbaren Schaden für die Softwareindustrie" ist in den Stellungnahmen der Software Publishers Association und der amerikanischen Handelskammer die Rede, die Microsoft bei der Verteidigung der zweifelhaften Anstellungspraxis unterstützt hatten. Auch sei der "internationale Transfer von Software-Know-how" gefährdet, die Branche werde in die Steinzeit der EDV-Entwicklung zurückgeworfen.

Überzeugen kann dieses Lamento nicht. Wer Fachkräfte braucht, ordert sie über spezialisierte Zeitarbeitsfirmen, die für die Computerbranche tätig sind. Und die werben mit wasserdichten Verträgen, nach denen Programmierer so einfach wie Autos gemietet werden können. "Das Volltanken bei Rückgabe entfällt", hieß es in einer beanstandeten Werbung einer Firma aus Seattle. Die Weigerung von Microsoft, mit solchen Unternehmen zusammenzuarbeiten, mag angehen. Doch daß das Gates-Imperium eigenmächtig doppeltes Recht setzen wollte, gefiel den Richtern überhaupt nicht.

Durch das Internet werden solche Probleme möglicherweise hinfällig. Längst lassen viele Firmen ihre Software in der Zweiten und Dritten Welt schreiben, in Bulgarien, Indien oder auch in Palästina. Bei der Steuerungstechnik zum Beispiel soll der Anteil des offshore programming bereits bei 85 Prozent liegen. Freilich haben diese entfernten Zuarbeiter ein Manko: Für tagelange Marathonsitzungen, bei denen ein Team den Abgabetermin auf Biegen und Brechen einhält, sind sie nicht zu haben. Dafür braucht es schon die Arbeit vor Ort, Aktienpeitsche inklusive.