Während der aufgeklärte Bewohner Deutschlands sich stets aufs neue der eigenen Kompetenz erfreut, jedes irgendwie längliche Ding als Phallussymbol zu identifizieren, hat die französische Philosophie beim sogenannten kleinen Unterschied eine große Unterscheidungsfähigkeit entwickelt. Denn nicht alles, was in der Welt der Phall ist, läßt sich vom männlichen Geschlecht ableiten. Vielmehr ist der Penis eines unter Tausenden die Welt penetrierender Objekte - womit wir beim Schaltknüppel wären.

In der Theorie Jacques Lacans ist das Konzept des Phallus nur eine Möglichkeit, den Penis zu interpretieren. Wobei Phallus hier nichts anderes meint als "das Objekt, das zur Vollständigkeit fehlt". Die Autozubehörindustrie hat sich dies Konzept zu eigen gemacht und phallische Objekte kreiert, die den Mangel an Vollständigkeit - des Autos wie des Lenkers - beheben sollen. Und weil nach Lacan "der Mangel an Sein die Bedingung des Genießens" ist, sorgt der neue Knüppel über Vollständigkeit hinaus für die Realisierung entsprechender Freuden.

Im Bruch zwischen Originalauto und zusätzlichem Knüppelknauf wiederholt sich jene ursprüngliche Abgeschnittenheit des Subjekts vom Objekt, die den Anlaß zur Sehnsucht nach Ergänzung gab. Denn erst der nachträgliche Zusatz suggeriert ja ein anfängliches Fehlen im Knüppelbereich; andererseits verwandelt sich erst der vom Körper isoliert betrachtete Penis in ein Symbol, das dann zurück verweist auf das Drama einer vorgestellten Kastration.

Die Idee eines perfekt funktionierenden Maschinenobjekts muß man bereits voraussetzen, um den Penis als Phallus im Lacanschen Sinne mißverstehen zu können: als Symbol seines möglichen Fehlens oder Versagens. Eines Fehlens, das sei hinzugefügt, das nach Ergänzung ruft und so als Ursprung aller Autozusatzteile angesehen werden kann. Daher ist nicht etwa der Penis Vorbild für den Knüppelknauf, sondern umgekehrt der Schaltknüppel eine Inszenierung des Phalluskults und als solche Vorbild für ein funktionalistisches Mißverständnis des männlichen Geschlechtsorgans.

"Die Einheitlichkeit der Auto-Modelle scheint die Idee der technischen Vollführung selbst in Frage zu stellen. Das normale Lenken des Wagens wird zum einzig möglichen Bereich, wo dem Machtrausch und der Erfindungsgabe noch ein freier Raum verbleibt. Der Wagen überträgt seine mitreißende Ausdrucksmöglichkeit auf ein bestimmtes Steuerorgan", schrieb Roland Barthes. Beim Schaltknüppel, dem Haltegriff männlicher Identitätsbildung und Selbstverwirklichung, will man sich daher nicht der Fremdbestimmung durch das Seriendesign unterwerfen, sondern die Ausdrucksmöglichkeit des Steuerorgans nutzen.

Weil "Phallus" eine Chiffre für die mangelnde Steuerbarkeit des Penis durch den Willen ist, muß willentliche Gestaltung unbedingt dort Platz greifen, wo das Thema Männlichkeit so prekär hervortritt wie im Zentrum des Cockpits. So kommt es, daß Machtrausch und Erfindungsgabe sich dort zu Hunderten von Knüppelvarianten verdichten: aus Wurzelholz oder Stahl, mit buntem Lederbezug oder Marienbildnis, in Form eines Totenschädels oder Golfschlägers.

"Der Wagen ist, wie alle mechanisch-funktionellen Gegenstände, für Mann, Frau und Kind ein Phallus, ein Ding zum Manipulieren, ein Gegenstand der Betrachtung und Beachtung: ein phallo-narzißtischer Entwurf und eine durch den eigenen Anblick starr gewordene Kraft", schrieb Jean Baudrillard. Doch mag das Auto insgesamt von außen betrachtet auch phallisch erscheinen - schon beim Einsteigen verwandelt es sich in eine Höhle, einen Uterus.