Schlagen Sie eine beliebige Seite einer beliebigen Zeitung auf: Wovon wird dort berichtet? Richtig, von wichtigen Menschen. Was die Frage aufwirft: Wer kümmert sich eigentlich um die übrigen? Offenbar niemand, bisher jedenfalls. Eine riesige Marktlücke tut sich da auf, in die jetzt ein kleiner Hamburger Verlag stößt: mit einem Angebot für "ganz normale Menschen, die mehr in die Öffentlichkeit rücken möchten".

Sechsmal im Jahr erscheint ich bin..., "das Magazin der Selbstdarstellungen", eine Sammlung von Seiten, die nichts sind als Inserate, die ihre Inserenten vorstellen. 100 000 Exemplare, gestaltet ganz nach den Wünschen der Auftraggeber, werden gratis in 2100 deutschen Kneipen verteilt.

"Der Bedarf an Selbstdarstellungen in der Öffentlichkeit" sei in letzter Zeit stark gestiegen, schreibt ich bin...-Redakteurin Katja Ledebrink. Immer mehr Menschen wollten "ihre Fähigkeiten, Ideen, Wünsche und Bedürfnisse einem breiteren Publikum als ihrem Bekanntenkreis zugänglich machen".

Wer die 48 Seiten der ersten Ausgabe auf sich wirken läßt, der muß sich allerdings fragen, ob das Projekt der Homepage auf Papier wirklich schon die Zielgruppe der ganz Normalen erreicht hat.

Da erklärt sich Richard Nikolaus von Raffay, "erster Vorsitzender des Allgemeinen Intergalaktischen Ritterordens" bereit zum "Kampf gegen das Böse" und schlägt seinen Gefolgsleuten eine raffinierte Arbeitsteilung vor: "Ich zeige euch den Weg und ihr sagt, wo es langgeht." Kim Kock, Frau seit er sich operieren ließ, versichert: "Es gibt ein Leben vor dem Messer."

Mari Otberg, Modedesignerin und "neue Emanze", stellt zur Schau, was dem Schnitt nach zu urteilen wohl das "legendäre Fick-mich-Kleid" ist, das im Text ihrer Selbstdarstellung erwähnt wird. Und Marion H. zeigt sich unbekleidet, weil sie in diesem Zustand "Göttin, Urweib, Wölfin, Hexe" sei, angezogen hingegen nur "eine Frau wie jede andere auch", nämlich "harmlos langweilig".

Wie schön: ein Magazin, das Exhibitionistinnen und Voyeure zusammenbringt. Das Heft, sagt Redakteurin Ledebrink, sei "Schaubühne für die, die sich gerne zeigen" und "Logenplatz für die, die gerne zuschauen". Wer nichts zu sagen hat, kommt auch zu Wort. "Das Buch bin ich. Die zu lesende Fiktion Versteck. In der Fiktion ist alles möglich", sinniert Solomon Burke, "Kunstboxer" seines Zeichens. Daneben finden sich angenehm präzise Botschaften wie diese: "Hände weg von Lothar S. aus Kiel. Ich bin seine Frau."