Ein friedlicher Freitagnachmittag in Budapest, die Sonne scheint auf die Donau - eine träge Zeit. Die Berufstätigen brechen früher als sonst ins Wochenende auf. In den Banken der Innenstadt werden die Tageseinnahmen gezählt. Plötzlich wird die entspannte Stille in einer der Banken jäh durchbrochen. Drei bewaffnete und maskierte Männer stürmen hinein und brüllen: "Her mit dem verdammten Geld." Zwei von ihnen fuchteln mit Pistolen, einer zielt mit dem Gewehr und schreit die Kommandos. Alle sollen sich auf den Boden werfen. Keiner wehrt sich. Einer der Bande schwingt sich über den Tresen, packt einen Beutel mit Geld und springt wieder zurück. Einige kreischen, die meisten liegen ganz still. Mit ihren Waffen immer schußbereit, durchkämmen die Räuber den Raum, greifen sich eine Kundin als Geisel und stürzen wieder hinaus. Dabei lachen sie und klopfen sich gegenseitig auf die Schulter, während sie ihre völlig verstörte Gefangene hinter sich herzerren.

Nur wenige Kilometer entfernt, auf der anderen Seite der Donau, sind 29 Polizisten und eine Polizistin vollkommen ahnungslos, keiner weiß etwas von dem Überfall. Es sind Studenten aus Polen und der Ukraine an der prestigeträchtigen FBI-Akademie, dem osteuropäischen Außenposten des FBI, und sie hören gerade einen Vortrag über Verhör- und Interviewmethoden. Seit knapp drei Jahren werden an der International Law Enforcement Academy, so der offizielle Name, Polizisten aus Osteuropa auf Kosten der USA ausgebildet.

Am nächsten Morgen steht der Banküberfall auf dem Lehrplan. "Eine Bank wurde überfallen, vermutlich von einer ungarischen Bande, die Kontakte in die USA hat", erklärt ein FBI-Ausbilder mit ernster Miene. "Die ungarische Polizei hat uns um Unterstützung gebeten." Sie wissen nicht, daß der Banküberfall eine FBI-Trainingsübung war und die Bankräuber Schauspieler. Geld sowie Geisel waren kurze Zeit später wieder zurückgebracht worden. Mit Blaulicht und Sirene rasen die Polizei-Eleven in ihren Akademieuniformen - braunes Polohemd, beigefarbene Hose - zur Bank.

In den acht Wochen dauernden Kursen wird nicht immer ein vorgespielter Überfall durchgenommen, viele der Fächer behandeln Themengebiete, die normalerweise nicht im Lehrplan einer osteuropäischen Polizistenschule stehen würden: "Die Würde des Menschen", "Der Europarat", "Managementstrategien", "Geldwäscherei" und "Computerkriminalität". Alles aktuelle Entwicklungen, die während der letzten vierzig Jahre an den ehemaligen Ostblockstaaten spurlos vorübergangen sind. Die Kurse sind auf dem allerneuesten Stand von Forschung und Technologie, mit drei- oder viersprachiger Simultanübersetzung, Videound Filmausrüstung mit Fernbedienung. Die Studenten allerdings sind eher traurige Gestalten. Unten in der Turnhalle beim Fitneßtest sieht es eher aus wie bei einem Gruppentreffen der Warschauer Weight Watchers als etwa wie bei "Miami Vice". Die Polizei muß zudem mit dem Image zurechtkommen, daß sie nur Blöde in ihren Reihen habe. Polizistenwitze sind gängiges Genre in der Region: Warum steht "Polizei" auf den Streifenwagen der ungarischen Polizisten? Damit sie ihr Auto wiederfinden, wenn sie zurück zur Wache fahren.

Die FBI-Ausbilder Robert Shea und John Huyler haben zusammen fast fünfzig Jahre FBI-Erfahrung auf dem Buckel. Der stämmige Shea, 48, war Bodyguard des Schahs, nachdem dieser in die Vereinigten Staaten geflohen war, und verhaftete die Bombenleger vom World Trade Center: "Wir schnappten die Bombenleger, als einer von ihnen seine Kalaschnikow fallen ließ." John Huyler ist einer der vierzig hochspezialisierten Unterhändler des FBI, die auf Abruf sofort zu jeder Geiselnahme an jeden Ort der Welt geschickt werden. Er war einer der Unterhändler in Waco, Texas, wo er David Koresh und seine Jünger davon zu überzeugen versucht hatte, sich friedlich zu ergeben - vergeblich. Immer noch plagen ihn Alpträume von dem Inferno, bei dem 86 Menschen ums Leben kamen. "Die Wochen in Waco waren der schwierigste Einsatz in meinen Dienst beim FBI. Zehn Leute waren schon tot, bevor wir überhaupt am Ort des Geschehens ankamen. Und wenn die Gewalt erst einmal begonnen hat ... Eines der Kernprobleme bei jeder Geiselnahme sind die unterschiedlichen Ziele - das der taktischen Truppe, die eigentlich das Gelände stürmen und die Geiseln sofort herausholen will, und das Ziel des Unterhändlers, der eine ruhigere, langsame Lösung, eine Lösung durch den Dialog anstrebt." Huyler malt eine große Wippe an die Tafel, auf der einen Seite steht "emotional" auf der anderen "rational".

"Die Leute von der Taktik wollen die Situation so schnell wie möglich anpacken, mit dem Überraschungseffekt arbeiten. Es gibt bei ihnen ein sogenanntes Handlungsgebot. Aber Verhandlungen sind genau das Gegenteil davon. Für mich ist es Musik in den Ohren, wenn der Geiselnehmer endlich fragt: ,Was passiert, wenn ich rauskomme?'"

Warum plötzlich dieser Bedarf an einer FBI-Akademie? Warum Polizisten aus ehemals kommunistischen Ländern in westlicher Verbrechensbekämpfung unterweisen? Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989 klaffte eine gewaltige Lücke in der öffentlichen Sicherheit. Ein oder zwei Jahre lang war es unklar, wer jetzt - oder ob überhaupt jemand - hier die Oberaufsicht hatte. Osteuropäische Mafias begehen heutzutage Verbrechen, von denen man vor 1989 noch nie etwas gehört hatte. Sie betreiben weißen Sklavenhandel, indem sie verschreckte Landpommeranzen aus Rumänien, Ungarn und vom Balkan in Amsterdamer Bordelle schmuggeln. Sie erpressen Schutzgelder in Bars und Restaurants, gründen Briefkastenfirmen oder führen komplizierte Geldwäschereien durch.