Die Gruppe handverlesener Diplomaten und Reporter in Bagdad genoß eine Führung der besonderen Art. Als Guide fungierte Iraks Vize-Premier Tarik Aziz. Er sollte den Polit-Touristen am Freitag voriger Woche Beruhigendes zeigen: Im Al-Sejoud-Palast, einem der vielen Paläste des irakischen Präsidenten Saddam Hussein, lagern keine Bomben. Aziz sollte vorführen, daß an den böswilligen Unterstellungen der UN-Inspekteure, hier seien Massenvernichtungswaffen versteckt, wirklich nichts dran ist.

Die Einlage imponierte niemandem. Und das Pentagon wird in den kommenden Tagen am Golf weiter aufrüsten. Ein amerikanischer Bombenangriff gegen das Regime am Tigris liegt in der Luft, der schwerste seit dem Golfkrieg von 1991. Die amerikanische Rechtfertigung eines Schlages gegen den Irak folgt klassischer Präventivlogik: angreifen, um das Schlimmste zu verhüten. Im Falle des Irak heißt das, die weitere Produktion und Anwendung von Massenvernichtungswaffen zu verhindern.

Der Grund für die gegenwärtige Krise ist die Weigerung Bagdads, den Waffenkontrolleuren der Uno Zugang zu verdächtigen Orten, den sogenannten Palästen Saddam Husseins, zu gewähren. Eingerichtet wurde diese Sonderkommission der Vereinten Nationen (Unscom) unmittelbar nach der Befreiung Kuwaits im Februar 1991. Die Rechtsgrundlage ist die UN-Resolution 687, in der dem Irak auferlegt wird, die Zerstörung oder Neutralisierung seiner Massenvernichtungswaffen sowie aller ballistischen Raketen mit einer Reichweite von über 150 Kilometern bedingungslos zu akzeptieren. Dieses Mandat einzulösen ist die Aufgabe der Biologen, Chemiker und Ingenieure der Unscom. Sobald sie den Vereinten Nationen mitteilt, ihre Aufgabe sei erledigt, kann das ebenfalls 1991 verhängte Wirtschaftsembargo gegen den Irak aufgehoben werden.

Chef der Unscom war bis zum vorigen Jahr der Schwede Rolf Ekeus, dessen zurückhaltende, aber unbeirrbare Art auf irakischer Seite respektiert wurde. In den sechs Jahren unter seiner Leitung hat die Unscom mehr irakische Waffen vernichtet, als von den Alliierten im Golfkrieg zerstört worden sind. Trotz aller Behinderungen und Versteckspiele der Behörden zahlte sich Ekeus' Beharrlichkeit aus - nur an die biologischen und chemischen Gifte kam die Unscom kaum heran. Diese Lücke zu schließen ist das erklärte Ziel des Ekeus-Nachfolgers Richard Butler, eines Australiers, der weniger die leisen Töne schätzt als die klaren Worte. Butler gilt den Irakern als "Handlanger der Amerikaner", was ihnen einen zusätzlichen Vorwand liefert, die Arbeit der Waffenexperten zu behindern. Seit vergangenem Oktober sucht Saddam Hussein die Provokation: durch immer neue Forderungen, etwa an die Zusammensetzung des Unscom-Teams. Sein Ziel ist die Aufhebung der Sanktionen, ohne im Gegenzug die eigenen Waffen vollständig vernichten zu müssen.

Wie groß das irakische Potential an Chemie- und Biowaffen tatsächlich ist, weiß augenblicklich niemand. Seit drei Jahren untersuchen die Inspekteure, für die in Bagdad ein altes Hotel renoviert und eingerichtet wurde, Dokumente, Computerdisketten und Videoaufnahmen. Sie fanden zahlreiche Indizien dafür, daß der Irak tatsächlich über die Kampfstoffe verfügt. Sie haben sogar Hinweise, daß die Iraker an Tieren und auch an Menschen experimentieren. Opfer hätte das Regime genügend. Seit dem Krieg gegen den Iran in den achtziger Jahren sind gut tausend persische Kriegsgefangene auf mysteriöse Weise verschwunden. Und auch über den Verbleib von 608 Kuwaitern, die nach der Invasion verschleppt worden waren, läßt sich nichts erfahren.

Die Eskalation am Golf bringt die Arbeit der Unscom weithin zum Stillstand die irakischen Machtspiele und die amerikanische Vorbereitung eines Militärschlags blockieren die Suche nach einer diplomatischen Lösung.

Für den Fall eines Angriffs sucht in diesen Tagen die amerikanische Außenministerin Madeleine Albright Verbündete in der Golfregion und in Europa. In Großbritannien brauchte sie keine Überzeugungsarbeit zu leisten. Die Briten stehen nicht nur Gewehr bei Fuß, um im Golf den militärischen Juniorpartner zu spielen. Sie teilen auch die amerikanische Überzeugung, daß die Karten der Diplomatie so gut wie ausgereizt seien. Eine Politik des Appeasement ist nach britischer Ansicht im Fall Saddam Hussein bereits vor sieben Jahren gescheitert. Die oft bespöttelte special relationship zwischen den angelsächsischen Mächten wird auch von New Labour liebevoll gepflegt. Tony Blair sorgt für außen- und sicherheitspolitische Kontinuität: Großbritannien sei bereit, für die Stabilität der Weltordnung den notwendigen Preis zu zahlen. Stabilität heißt Sicherheit in der Region, heißt Schutz Israels und, nicht zuletzt, Öl. Der Preis heißt Krieg.