Dresden, Kenntemich!" - "Hier Köln, wieheitudenn?" Ein unvergessener Glanzpunkt jener vielgerühmten Programmveranstaltung, die zu senden sich die ARD leider seit Jahren weigert: die mittägliche Schaltkonferenz der Fernsehchefredakteure. Hier werden aktuelle Programmvorhaben gestemmt: Sieben "Brennpunkte" konnte der NDR im letzten Jahr für sich erobern. Auf Platz zwei überraschend der ORB: Vier Beiträge - das kam für den kleinen Sender einem Deichbruch gleich, hatte allerdings auch einen zur Ursache. Unter Druck und mit nur zweieinhalb Sendungen noch hinter den Bayern: der WDR.

Der gewann dafür die zweite Disziplin: Beim "Tagesthemen"-Kommentar lagen die Kölner mit 52 zu 51 vor Hamburg. Schöne Einzelleistung: Siebzehn Kommentare von Siegmund Gottlieb aus München. Sieben immerhin von MDR-Mann Wolfgang Kenntemich. Zweimal sprach der Bruder des CSU-Vize Friedrich für den BR, einmal der Gatte der SPD-Ministerin Hildebrandt für den ORB. Das hebt sich vermutlich auf. 1993 hatten Fritz Pleitgen, Klaus Bednarz und andere den Solinger Brandanschlag gleich viermal hintereinander kommentiert. Daß die vier Meinungsbeiträge die Mordtat tendenziell eher mißbilligten, trug ihnen später den Civis-Preis ein. Aber auch die Maßregel, daß seither der ARD-Koordinator Hartmann von der Tann ein letztes mäßigendes Wort bei der Auswahl von Themen und Autoren zu sprechen habe.

Von der Tanns Konferenzleitung wird als sachlich, stringent und ideologiefrei gelobt. Auch bei der wichtigen dritten Aufgabe: der täglichen Programmkritik.

In dieser Disziplin steht die virtuelle Tafelrunde nun vor einer neuen Herausforderung. Gemäß der öffentlich-rechtlichen Tradition des langen Atems wird die neue Christiansen-Show bereits nach vier Wochen öffentlich gemobbt. Ein Nebenwiderspruch mag dabei sein, daß die öffentlich-rechtlichen Gralshüter sich nun ausgerechnet bei Emporkömmling Fred Kogel abgucken können, wie man verfrühte Attacken erbarmungslos niedergrinst: So jedenfalls rettete Sat.1 seine Schmidt-Show.

Der Hauptwiderspruch aber ist: Einerseits, so die ARD, sei Christiansens Show eine Unterhaltungssendung und deshalb offiziell nicht Gegenstand der "Schalte". Andererseits sei sie eine Politiksendung, weswegen sie in jener nicht stattgefundenen Kritik als "unprofessionell, hilflos, überfordert" gerempelt wurde. Die Kritik daran, daß diese Kritik in der ARD-Schaltkonferenz kritisiert worden sei, landete in vielen Zeitungen. Wer aber als Unterhalter solcher Zuwendung entgehen will, der muß - wie etwa Kollege Biolek - ab sofort auf politische Gäste verzichten: Die übliche Schamfrist vor der Niedersachsen-Wahl hat begonnen, es folgen Sachsen-Anhalt, Bayern, schließlich der Bundestag. Will die politische Journalistin weiterhin politische Gäste einladen, muß sie hinnehmen, in der "Schalte" behandelt zu werden. Allerdings weiß sie jetzt auch, wo sie das dann überall wird nachlesen können. "Selbst schuld!" röhrte Joschka Fischer in der Christiansen-Show, "Sie haben sich Politiker eingeladen!"