Als das Bundesverfassungsgericht vor mehr als einem Vierteljahrhundert dem Staat das heimliche Mithören am Telephon erlaubte, verweigerten drei der acht Richter ihre Zustimmung. Eindringlich warnten sie: Wehret den Anfängen! Niemand könne garantieren, daß die Lauschgesetze für alle Zeiten "korrekt und fair" angewendet würden. Außerdem: Dürfe der Staat einmal Hand an die Grundrechte legen, werde er es immer wieder versuchen.

Die Minderheit hat leider recht bekommen. Das Parlament geht mit der Verfassung rabiat um. Wie damals die Telephonüberwachung, so ist auch jetzt der große Lauschangriff eben nicht ohne einen Eingriff in das Grundgesetz zu haben. Willigt an diesem Freitag auch der Bundesrat ein, wird das Recht auf Unantastbarkeit der Privatsphäre in seinem Kern zerstört.

Schon seit Urzeiten ist es ein elementares menschliches Anliegen, zu Hause ungestört zu bleiben. Privatgemächer galten bereits in der europäischen Antike als sakral; die Germanen sprachen von "Hausfrieden". My home is my castle - dieses Recht gehört seit zwei Jahrhunderten zum Herzstück aller freiheitlichen Verfassungen. In Deutschland hieß es erstmals in der Paulskirchenverfassung von 1848: "Die Wohnung ist unverletzlich." Nach den schlimmen Erfahrungen der Nazizeit wurden diese Worte verbindlich ins Grundgesetz geschrieben. Das Bundesverfassungsgericht hat ihren Sinn später einmal so beschrieben: Dem Bürger müsse um seiner selbst willen ein Raum verbleiben, in dem er "in Ruhe gelassen wird und ein Recht auf Einsamkeit genießt".

Absoluten Schutz hat dieser Zufluchtsort allerdings auch im freiheitlichen Rechtsstaat nie genossen. Die Polizei darf einem auf frischer Tat ertappten Dieb in seine Wohnung nachstellen und sogar von außen hineinhören, um schwerste Gefahren für Leib und Leben abzuwenden. Läßt sich ein Verbrechen noch verhüten, darf der Staat seit jeher stärker in die Grundrechte eingreifen, als wenn die Straftat bereits begangen wurde und "nur" noch das Ziel verfolgt wird, den Täter dingfest zu machen. Das ist eine logische, im Alltag mitunter allerdings komplizierte Unterscheidung.

Bislang galt jedoch ein ehernes Gesetz: Der schuldlose Bürger kann sich in den eigenen vier Wänden im großen und ganzen sicher fühlen. Damit dürfte es bald vorbei sein, auch wenn gebetsmühlenhaft das Gegenteil beteuert wird. Es stimmt nämlich nicht, daß künftig nur "Gangsterwohnungen" abgehört, dagegen rechtschaffene Bürger in Ruhe gelassen werden. Der große Lauschangriff richtet sich - mit Ausnahme der privilegierten Kreise (derzeit: Pfarrer, Priester, Strafverteidiger, Abgeordnete), über die noch gestritten wird gegen jeden. Denn heften sich die Fahnder an die Fährte eines Verdächtigen, geraten alle, die mit ihm sprechen, in den Hörbereich der Wanze: die Ehefrau, Kinder, Freunde, der Arzt, Zufallsbekannte. Heimliches Mithören nimmt auch Unbescholtenen die Chance, sich den Staat vom Leib zu halten.

Die Privatsphäre ist in der modernen Welt ohnehin ein besonders knappes Gut. Telephone dürfen schon seit langem verwanzt und Briefe kontrolliert werden. Zudem: Versicherungen, Krankenkassen und Banken, Melde-, Arbeits- und Sozialämter wissen fast alles über ihre Kunden. Weitgehend unbeobachtet bleibt der gläserne Bürger nur noch daheim. Diese Rückzugsmöglichkeit darf ihm nicht genommen werden.

Der amerikanische Erfolgsautor John Grisham hat in seinem inzwischen auch verfilmten Kriminalroman "Der Klient" eindrücklich und sehr wirklichkeitsnah beschrieben, was der große Lauschangriff anrichten kann: Menschen, die selber nichts verbrochen haben und nur zufällig einem Mafioso begegnet sind, werden zu Gehetzten. Nirgendwo können sie sich sicher wähnen, niemandem dürfen sie mehr vertrauen.