Der alte Herr wirkt ein wenig müde. Offensichtlich leidet er noch unter dem Jetlag. Der 69jährige Professor vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston ist eigens nach London gereist, um im Royal College of Art an der pompösen Zeremonie teilzunehmen, mit der die Firma Lego ihre neueste Produktlinie vorstellt. Elektronisch jaulende Fanfaren ertönen, Scheinwerfer blitzen, auf mehreren Bildschirmen laufen schicke Videoclips, während Seymour Papert sehr ruhig auf seinem Stuhl sitzt. "Mindstorms" heißt das neue Legoprogramm - genauso wie Paperts berühmtes Buch aus dem Jahr 1980.

In gewisser Weise ist Seymour Papert heute am Ziel: Endlich werden Kinder mit jenem Spielzeug spielen können, das er seit mehr als dreißig Jahren entwickelt; in dieser Woche soll es auf der weltgrößten Spielzeugmesse in Nürnberg erstmals den Händlern präsentiert werden. Kein Wunder, daß der MIT-Professor zu Superlativen greift, als er mit seiner leisen Stimme die neuen Lego-Produkte würdigt: Zweimal sei in den letzten fünfzig Jahren die Welt des Spielzeugs revolutioniert worden - einmal durch die Erfindung der Lego-Steine, das zweite Mal durch die Bildschirm-Computerspiele von Nintendo bis zur Playstation. Und jetzt: die dritte Revolution.

Deutsche Kinder bekommen nur die gewalttätige Variante

Diese Revolution besteht darin, daß Kinder von nun an den Computer dazu benutzen können, ihren realen Lego-Figuren intelligentes Verhalten einzuprogrammieren. Mit gleich zwei Produkten dieser Art kommt die Spielzeugfirma auf den Markt: der Mindstorms-Serie, die Papert und seine Kollegen am Medienlabor des MIT maßgeblich mitentwickelt haben, und einem Bausatz mit dem Namen Lego Technic Cybermaster, der mehr auf Actionfans abzielt.

Das Herzstück der neuen Technik ist bei beiden Serien gleich: ein Kästchen, das mit einem Mikrochip ausgestattet ist und in die Figuren eingebaut werden kann. Dieser Chip läßt sich dann von einem gewöhnlichen PC aus über Infrarot oder Funk programmieren, so daß die Figur sich autonom bewegen kann.

Die programmierbaren Lego-Steine gehen zurück auf Forschungen, die schon in den sechziger Jahren begannen. Papert hatte einige Jahre in Genf mit dem legendären Entwicklungspsychologen und Pädagogen Jean Piaget zusammengearbeitet und ging in die USA ans MIT. Dort entwickelte er Logo, die erste Programmiersprache für Kinder. Sein Credo: Das Programmieren von Computern ist eigentlich kinderleicht, es fördert die intellektuelle Entwicklung. Man muß die Kinder nur mit geeigneten Mitteln dafür begeistern.

Der Professor erfand damals die "Schildkröte" - ein kleines, rundes Gefährt auf vier Rädern, das mit Sensoren und Motoren ausgestattet war. Die "Schildkröte" konnte Figuren zeichnen, in laufender Fahrt Hindernissen ausweichen und führte ein - wenn auch relativ begrenztes - Eigenleben, das Kinder in Schulversuchen mit Logo selber programmierten. "Man konnte Kindern viel leichter das Programmieren beibringen, wenn es mit der realen Welt zu tun hatte, als wenn es nur um abstrakte Dinge auf dem Bildschirm ging", erklärt Papert seinen konstruktionistischen Ansatz.