Die Klage rollt wie ein nicht abgeregnetes Gewitter durchs Land: Diskurs, Diskurs, es gibt keinen Diskurs mehr.

Dabei gibt es hinreichend kluge, emphatische, auch Widerspruch herausfordernde Interventionen kluger Köpfe - ob des kürzlich verstorbenen DDR-Wissenschaftlers Jürgen Kuczynski Donnerwort "Der Computer zerstört die Arbeiterklasse", ob Joseph Weizenbaums Warnung davor, daß "Menschen mehr und mehr wie Maschinen denken", oder André Gorz' immer anstößige, weil Anstoß erregende Überlegungen zu unserer modernen Un-Gesellschaft, "deren dünne Herrschaftsschicht die verfügbaren Überschüsse an Reichtümern fast ganz für sich vereinnahmt, während das Fehlen von Zielvorstellungen und politischen Orientierungshilfen die Auflösung aller Bindungen und allgemeine Haßgefühle zur Folge hat, die sich selbst gegen das Leben und die eigene Existenz richten".

Wahrlich, der Zusammenhang von Rationalisierung/Profit/Arbeitslosigkeit/Verdummung ist analysierbar. Wahrlich, das Ergebnis der neuen Religion, deren Credo heißt "Der Computer nimmt Ihnen das Denken ab" - zu beobachten vor jedem Lufthansa-Schalter, an jeder Karstadt-Kasse, an der eine hilflose Dame nicht mehr 1,85 plus 2,35 addieren kann -, ist benennbar. Es braucht keine Neuen (Pseudo-(Philosophen, und wir brauchen schon gar keinen Oberscharlatan namens Helmut Kohl, um uns auseinanderzusetzen mit der planvollen Verkümmerungsstrategie, die Menschen zu fernsteuerbaren Äffchen, die Gesellschaft zu einem gigantischen Zoo und das Wirtschaftsgefüge zu einem Catch-as-catch-can-Zelt macht.

Theorie beginnt im Alltag. Es war die Stärke beispielsweise von Ernst Bloch, aus scheinbar banalen Details einen theoretischen "Mehrwert" zu schlagen. Man nehme die Zeitarbeits-Hausfrau an der Lotto-Annahmestelle mit ihrem stolzen Humbug "Wir sind jetzt online"; den Einwohnermeldeamts-Beamten, der ein Datum nicht mehr per Hand eintragen kann; oder die Idiotie, mit der die "intelligenten" smart bombs im Irak-Krieg Papp-Panzer zerstörten; meinetwegen auch den Häppchenschwachsinn einer Kulturindustrie nach dem Motto "Bitte ein Zwei-Minuten-Statement zum Existentialismus": Dann hat man bereits Steinchen genug fürs Mosaik des künstlich produzierten Nichtdenkens. Bei André Gorz heißt es vornehmer "Miseren der Gegenwart", wenn er eine "unsichtbare und anonyme Ordnungsinstanz" erkennt, "deren von keiner Legislative erlassenen Gesetzen sich alle zwangsläufig und widerstandslos wie Naturgesetzen unterordnen würden. Diese Ordnungsinstanz ist der Markt."

Was diese heiliggesprochene Maschine Markt tut - surreal -, ist: Sie produziert Produkte für Nicht-mehr-Produzenten, die diese Produkte nicht kaufen können. Was immer stimmenfangende Politschwätzer vom Halbieren faseln: Für die Mehrzahl dieser Menschen wird es Arbeit nicht (mehr) geben. Also wäre ganz neu zu denken - eine Gesellschaft, die Zeit neu verteilt; denn was der Mensch investieren kann - in Arbeit oder arbeitsfreie Lebensstrecken -, ist Zeit. Sie bemißt sein Leben.