Schon oft ist die Geschichte erzählt worden und in vielen Sprachen, am schönsten von Johann Peter Hebel, die so traurige Geschichte von dem Mädchen, dem der Verlobte eine Woche vor der Hochzeit noch einmal ins Bergwerk einfuhr. Ein schwarzes Halstuch hatte sie ihm mit einem roten Band gesäumt, doch er kam nicht wieder, und so "legte sie es weg und weinte um ihn und vergaß ihn nie". Die Welt drehte sich weiter, die Französische Revolution brach aus, Amerika wurde unabhängig, und Napoleon stand auf, und dann fanden Bergleute in Falun die Leiche eines jungen Mannes, "ganz mit Eisenvitriol durchdrungen, sonst aber unverwest und unverändert", das war der Verlobte der inzwischen uralten Frau, die ihn noch einmal in ihr Stübchen tragen ließ.

In der kommenden Woche ist es 35 Jahre her, daß die alleinerziehende Mutter Sylvia Hughes an einem arktischen Londoner Wintermontag Selbstmord beging, einer von ungefähr hundert Suizidfällen in der zweiten Februarwoche 1963 in Großbritannien. Mit Sylvia Plaths Geschichte hatte es freilich eine besondere Bewandtnis. Nur ein Band Gedichte sowie unter Pseudonym ein Roman waren von ihr bis dahin erschienen, dazu ein paar Texte in Zeitungen und Zeitschriften. Vielen galt sie nur als Hausfrau, Gattin des Dichters Ted Hughes. Spätestens seit den 1965 veröffentlichten "Ariel"-Gedichten ist sie selber als Lyrikerin berühmt, auch wenn es am Ende ihr heiligmäßiges Leben ist, das diesen Ruhm beglaubigt. Die Geschichte ihrer Ehe mit Ted Hughes war da sehr hilfreich: Der Mann hatte sie betrogen und sie samt zwei kleinen Kindern ihrem Schicksal überlassen.

"Die tragischste literarische Liebesgeschichte unserer Zeit"

Sie ist verstummt vor 35 Jahren, hat aber um so vernehmlicher gesprochen durch ihren Nachlaß und ihren immer weiter wachsenden Ruhm. Ihrem Witwer Ted Hughes blieb nur das Schweigen. Das grausame Schicksal gab dem ungetreuen, aber nicht geschiedenen Ehemann sämtliche Rechte am Werk. Während er selber fast nichts mehr veröffentlichte, gab er nach und nach die unveröffentlichten Werke seiner toten Frau frei, die Gedichte vor allem, die streng waren und böse und auch mit seiner Untreue abrechneten. Wenn er aus eigenen Gedichten las, konnte es ihm passieren, daß er auf dem Campus mit Transparenten empfangen wurde, die ihn den Mörder der hl. Sylvia schimpften. Ted Hughes aber schwieg. Er verteidigte sich nicht, und er schrieb nicht über seine Frau, die ihn nur als Monster weiterleben ließ. Ted Hughes beschränkte sich darauf, ihren Nachlaß herauszugeben und den Biographen das Leben schwerzumachen. Und dann die schreckliche Wiederholung: Die Frau, mit der er Sylvia betrogen hatte, legte 1969 wie Sylvia den Kopf in den Gasherd.

Ohne Vorwarnung hat der inzwischen 67jährige Ted Hughes nun dieses lange Schweigen gebrochen. Der Dichter spricht, und er spricht mit seiner toten Frau. Die Times brachte die "Birthday Letters" wie einen Fortsetzungsroman, den die Schlagzeile auf dem Titel ankündigte: "Enthüllt: Die tragischste literarische Liebesgeschichte unserer Zeit".

Enthüllungen über ihre Liebe und Ehe bringen diese "Birthday Letters" allerdings nicht, zu schonend geht Hughes mit Sylvia Plath um, zu literarisch, wie mit einem kostbaren Geschenk, das er vergessen hat und wieder vorkramt und aufschnürt. Archäologie. An der Tochter entdeckt er die Finger der Mutter, an der Tochter, die sich nicht mehr an die Mutter erinnert, die in der Küche erstickte im Gas. "Ihre Finger gehorchen deinen und ehren sie." Es folgt ein auffällig falsches Bild, dabei überdeutlich die Wahrheit aussprechend, die Finger Sylvias, in der Tochter überliefert, seien "die Laren und Penaten unseres Hauses". Das sind in der römischen Familienreligion Erinnerungsbilder für die Vorfahren. Finger allein können das nicht bieten. Aber natürlich ist die ganze Sylvia gemeint, sie gehört zu den Penaten, die Tote, nie besprochen, aber immer gegenwärtig, der gute und mehr noch der böse Geist des Hauses. Ein monströser Todeskult weht hinter diesen Gedichten.

Achtundachtzig Gedichte inventarisieren den gemeinsamen Bestand, rekonstruieren Begegnungen, die erste Nacht, Trennungen und immer wieder Zeichen. Die Verse sind oft willkürlich gebrochen, mit wenigen Ausnahmen ohne Reim und Rhythmus, sie strömen frei dahin, ein Erinnerungswerk, nachgetragene Liebe soll es sein.