Strandläufer. Weil niemand da ist, geht auch niemand hin: Im Winter ist der Strand bis auf den letzten Platz verlassen. Eine feine Kruste überzieht den Sand, jetzt, da er nicht aufgewühlt wird. Vereinzelt stapfen Hundehalter oder Philosophen darüber hin. Am Meer wirkt jeder wie der erste Mensch.

Es scheint ein Meer ohne Eigenschaften, lau, spülwasserfarben und seicht wie ein Planschbecken. Es dümpelt trübe vor sich hin und riecht nach nichts. Nur bei Sturm zeigt es Charakter. Danach kommen die Muschelsammlerinnen mit Netzen und Gummistiefeln und bieten ihre Hintern dem Himmel dar.

Eine Anlaufstelle bildet einzig die Mole, auf die es Angler und Spökenkieker hinauszieht, Proust-Leser, Genremaler, ukrainische Matrosen und scheue Liebespaare. Über den Wellenbrechern trotzen Pfahlbauten der Belagerung durch die Zeit. Aus dem windschiefen "Rockcafé" wummert Boogie-Woogie. Davor leere Plastikstühle in 21 Farben, verwaiste Sommerutensilien. Gen Sonnenaufgang entschwinden Fischerboote im adriatischen Dunst, gen Sonnenuntergang, auf ganzer Linie, die mit Beton verbarrikadierte Küste. Die italienische Krankheit: Horror vacui.

Grand Hotel". Ins seidige Blau der Abenddämmerung ragt die Leuchtschrift RIMINI wie ein verjährtes Versprechen. Der Mythos vom Weltbad und das Charisma des "Grand Hotels" - sie akkreditieren sich wechselseitig und sind doch längst passé. Wo Europas Aristokratie sich preziös in Szene setzte, steigt der Weltspießbürger von heute mir nichts, dir nichts ab, erscheint in Strampelhosen zum Frühstück, um Nutella aus Plastikschälchen zu kratzen.

Geblieben sind Jugendstil und Anekdoten. Wie Mussolini nachts heimlich aus Riccione herüberkam, um sich seine Geliebte vorzunehmen. Wie Herr Grundig statt Trinkgelder Transistorradios verteilen ließ. "Das ,Grand Hotel' aus Amarcord" - dreist schmückt das Haus sich mit Fellini, doch nie hätten sie ihn damals hier drehen lassen. Mitsamt der Stadt baute er das Märchenschloß seiner Jugend - "wir umschlichen es wie Katzen" - in der cinecittà nach.

Seit es "den heutigen Erfordernissen" angepaßt wurde, betritt man es nicht mehr von der Schauseite, sondern vom Parkplatz her, mit Blick auf die kahle Rückfront. Zwischen Pächter und Eigentümer herrscht Zwist, nur das Notwendigste wird noch getan. Morbidezza macht sich breit. Hier hängt der Spiegel schief, dort klemmt die Jalousie, im Garten rosten die Stühle. Ob jemand kommt, ob jemand geht, jedesmal knallt die Foyertür klirrend zu. Es ist die Wut des Hauses über seine unwiederbringlich vergangene Zeit.

Quo vadis? Voll von römischen und mittelalterlichen Relikten - hier war es, wo die Würfel fielen, als Cäsar den Rubikon überschritt, wo Sigismondo Malatesta zum Inbegriff des Renaissancetyrannen wurde -, lebt die Stadt doch manisch in der Gegenwart, ja, noch lieber in der nahen Zukunft. In Erwartung des nächsten Sonnenstrahls, des baldigen Wochenendes, der kommenden Saison.