Es ist gerade mal dreißig Jahre her - die Achtundsechziger werden sich erinnern -, da hatte jemand, der sich mehr für Bocuse interessierte als für Marcuse, schlichtweg das falsche Bewußtsein. Die Vorstellung, ein progressiver Mitmensch wie Che oder Rudi oder Mao könnte kulinarische Gelüste haben, war so absurd wie ein Konto in der Schweiz. Seitdem hat sich viel verändert. Kein Prominenter, ob tot oder lebendig, entgeht der Beschreibung seiner Speisekammer und wird auf hedonistische Freuden untersucht, welche sodann in Kodakcolor und auf Hochglanzpapier unsere Bildungslücken füllen. Jetzt hat es auch Heinrich Heine erwischt. Zweihundert Jahre alt und immer noch kein Lieblingsrezept veröffentlicht, das läßt kein deutscher Verlag auf sich sitzen. Wär' ja ein Wunder, wenn Heine unter seiner Matratze keine Speisekarten des "Grand Vefour" oder anderer Gourmettempel versteckt hätte. Also sind gleich zwei Bücher zum alles beherrschenden Thema des vergangenen Jahres erschienen: "Essen und Trinken mit Heinrich Heine", dtv, 144 Seiten, 28 Mark, und "Heine à la carte", Grupello Verlag, 144 Seiten, 36 Mark.

Es läßt sich nicht verhindern, daß ein Mensch, der über einen großen Wortschatz verfügt, schon mal ein Wort aus der Küchensprache benutzt. Ich stelle mir das so vor: Da liest der Lektor in Heines Texten herum und trifft auf eine Stelle, an der es heißt: "Nachdem ich meinen Damen einige Höflichkeiten gesagt, eilte ich hinab, um in der warmen Stube Kaffee zu trinken." Kaffee, jauchzt der Lektor und verwurstet die folgenden zwei Seiten in einem Heine-Ragout von beispielloser Beliebigkeit. Wer Kaffee sagt, muß auch Tee sagen, mag er ihn auch wie Heine mit Teha schreiben. Und schon wird die entsprechende Stelle, eine ziemlich lahme Anekdote, an das Kaffeekapitel gehängt. So geht das weiter, bis es nicht ganz für 144 Buchseiten reicht. Die werden mit Rezepten aufgefüllt, gut durchgerührt, mit Illustrationen garniert, welche insofern zu Heine in Beziehung stehen, als auf ihnen keine Computer oder Autobahnen zu sehen sind, sodann gießt der jeweilige Lektor einen eingekochten Heine-Essay über das Ganze und sucht einen Sponsor, damit sein Verleger bei Laune bleibt.

Also erfahren wir in dem Buch des Grupello Verlags sehr viel über das Weingut Schloß Johannisberg, auch drängt sich dort ständig ein Düsseldorfer Restaurant mit endlos langen und prätentiösen Menüs ins Blickfeld, wie sie nur noch in deutschen Provinzen gekocht werden. Heine hätte Hohn und Spott darüber ausgegossen. Das Buch des Deutschen Taschenbuch Verlags hätte möglicherweise eher Gnade vor seinen Augen gefunden, weil dort nur neun Rezepte veröffentlicht wurden, was Sinn für Proportionen beweist. Zweitens stammen sie von einem der besten Köche Deutschlands (Jean-Claude Bourgueil), der, drittens, auch noch Franzose ist, was für Heine endgültig ein Qualitätsbeweis gewesen wäre. Darüber hinaus ist das Buch sauber und auf feinem Papier gedruckt, attraktiv umbrochen und hübsch bunt illustriert sowie preiswert - alles Eigenschaften, auf die der Grupello Verlag verzichtet hat.

Sieht man einmal von der an den Haaren in den Suppen unserer Dichter herbeigezogenen Beziehung zur Kulinarik ab, von der Leichenfledderei an tantiemenfreien Autoren und von den trittbrettfahrenden Verlagen, die Heine vor fünf Jahren nie und nimmer mit Essen und Trinken zusammengebracht hätten, so können solche Bücher durchaus Gutes bewirken. Sie extrahieren aus dem gewaltigen Text eines Autors leicht lesbare Stellen und die in kleiner Auswahl, also genau die Art von Fast-Lesefutter, die die comicsüchtige Generation der MTV-Junkies gerade noch lesen kann, ohne in Agonie zu fallen. Der Zugang zur Literatur, durch welche Abkürzung er auch ermöglicht wird, ist verdienstvoll. Auch wenn künftigen Germanisten zu unseren Dichtern und Denkern zuerst einmal einfallen wird, daß Heine ein Gastrosoph war, Thomas Mann die gesundheitlichen Folgen des Essens in seinen Tagebüchern notierte und Heinrich Böll auf der Lohnliste des deutschen Bäckerhandwerks stand. Aus seinen Büchern lassen sich mühelos 144 beweiskräftige Seiten zusammenstellen, auf denen er die Vorzüge des trockenen Brotes preist.

Irgendwann wird auch Hitler: "Mein Mampf", die Erinnerungen an seine Eintopfsonntage, als nachgelassene Trouvaille veröffentlicht werden sowie die vegetarischen Rezepte Eva Brauns. Wie sonst auch sollte man all diese Herrschaften vor dem Vergessen bewahren?