Davos

Die Stimmung kippt - und deutsche Politiker merken es zuletzt. Immer noch entschuldigen sie ihre Phantasielosigkeit am liebsten mit den Zwängen der Globalisierung. Dabei bricht gerade das letzte Tabu der neunziger Jahre: Erlaubt sind wieder Zweifel am Glaubenssatz, daß nur ein freier Markt ein guter Markt ist. Das ist zu begrüßen. Denn jetzt dürfen wir wieder frei denken, jetzt dürfen wir fragen, was wir mit der Marktwirtschaft eigentlich wollen und wie Märkte für alle am besten arbeiten. Und das ist der erste Schritt, damit die Politik, global und national, ihr Primat über die Ökonomie zurückgewinnt.

Trotz ersten Aufatmens an den Börsen hat Asiens schwere Finanzkrise einen Bewußtseinswandel ausgelöst. Vorbei die Zeit, in der sich behaupten ließ, ungehemmte Globalisierung würde alle Nationen zu Gewinnern machen; selbst die Völker, die am meisten zu profitieren glaubten, bringen nun ihre Opfer. Das asiatische Modell, europäischen Arbeitnehmern lange als Nonplusultra vorgehalten, hat sich in seine unterschiedlichen Bestandteile aufgelöst.

Selbst Davos Man, die Inkarnation des Kapitalismus, ist verunsichert. Als sich am vergangenen Wochenende die Weltelite der Unternehmer und Manager zum alljährlichen Weltwirtschaftsforum im Schweizer Skiparadies zusammenfand, da strahlte zwar die Sonne auf die verschneiten Berge, doch die Globalisierungseuphorie früherer Jahre war vielen Kongreßteilnehmern vergangen. Der Wille zur Zuversicht war da, aber er reichte nicht weit. Der alte, fast schon zu einer Ideologie versteinerte Glaube an die Selbstregulierung der Märkte ist der Suche gewichen nach Lehren aus der Krise, nach Ideen für neue Regeln, die mehr Stabilität versprechen. Die Ungeduld mit Politikern, die sich dem Imperativ der Wirtschaft nicht schnell genug beugten, macht dem Bewußtsein für Gefahren Platz, die nicht vom Staat ausgehen.

Nach nur wenigen Stunden auf dem Forum der Mächtigen, Reichen und Emsigen hatte auch Hillary Clinton den Stimmungswandel erfaßt. In der überfüllten Kongreßhalle forderte Amerikas First Lady, "dem Ansatz eines neuen Bretton Woods folgend", neue internationale Regeln und Institutionen für die Wirtschaft zu entwickeln. Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Staatengemeinschaft in dem amerikanischen Erholungsort die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds (IWF) ins Leben gerufen und den globalen Finanzverkehr geregelt. Damals wurden Devisen nur getauscht, um Handel und Investitionen zu finanzieren. Heute bewegen sich die Währungen weitgehend frei, und Spekulanten haben das Volumen des Devisenhandels auf das Fünfzigfache des Warenverkehrs heraufgetrieben.

Institutionen für den Umgang mit der Globalisierung zu schaffen "ist derzeit die größte intellektuelle Herausforderung der Welt", lautete die Davoser Botschaft von Richard Haass, Chefforscher bei der Washingtoner Brookings Institution. Sie kam vor allem bei den nichtamerikanischen Teilnehmern an: Vorbei die Zeit der Marktfatalisten, denen zufolge sich gegen das vagabundierende Kapital nichts ausrichten läßt.

Nicht nur fernöstliche Minister wettern gegen den globalen Finanzhandel, der ihnen erst - allen Warnzeichen zum Trotz - so wohlgesinnt war und sie dann über Nacht fallenließ. Nicht nur George Soros, lange der Welt erfolgreichster Spekulant, will ihn regulieren. Westliche Ökonomen, Banker und Politiker sprechen ungestraft aus, womit sie sich noch vor Jahresfrist ihren Ruf ruiniert hätten: Die Regierungen haben die Liberalisierung vorangetrieben, nun müssen sie der Wirtschaft Pflichten auferlegen. Selbst Vertreter der Weltbank, sonst wie der IWF eher als Handlanger des Kapitals verdächtig, denken inzwischen laut über neue Befugnisse für Regulierer nach.