Knapp acht Monate vor der Bundestagswahl stellt sich für manchen Bonner Staatsdiener die bange Frage nach dem richtigen Parteibuch. Vom Ausgang der Wahl hängt schließlich die weitere Karriere vor allem der Chargen im höheren Dienst ab. Vom Oberamtsrat aufwärts könnte so manche Weiche anders gestellt werden, wenn Helmut Kohl durch Oskar Lafontaine oder Gerhard Schröder ersetzt wird. Es lohnt sich daher, die Parteibücher rechtzeitig à jour zu bringen und säumige Beiträge zu begleichen. Kehren erst einmal neue Besen, bekommen die bisher Zukurzgekommenen endlich die langersehnte Chance, an den Karrieristen von gestern vorbeizuziehen - raus aus dem Schatten auf einen Platz an der Sonne. Liebedienerei setzt sich unter anderen Vorzeichen fort. Das Nachsehen haben wieder einmal diejenigen, die meinten, Unabhängigkeit zahle sich irgendwann aus. Nur: Solche Sekundärtugenden sind gar nicht gefragt Primärtugenden wie etwa Parteitreue sind absolut in.

So denkt man auch im Bundeskanzleramt und trifft Vorsorge für den Fall einer verlorenen Wahl. Sonderminister Friedrich Bohl hat als Chef des Kanzleramtes die Mitarbeiter des höheren Dienstes auffordern lassen, sie sollten sich möglichst rasch für oder gegen den Umzug nach Berlin entscheiden, man wolle die Stellen für einen reibungslosen Neubeginn verplanen. In Wirklichkeit ist der Umzug nur ein willkommener Anlaß, um in den nächsten Wochen und Monaten wichtige Schlüsselämter in der Regierungszentrale und den Ministerien mit koalitionstreuen Beamten zu besetzen.

Da das Kanzleramt seine Mitarbeiter vielfach aus den einzelnen Ministerien rekrutiert hat, können die nun als Belohnung auf Rückkehr in eine Schlüsselstellung rechnen. Dort sollen sie mit dem geeigneten Partei-Polit-Profil auf vorgeschobenem Horchposten überwintern. Solche Posten sind unerläßlich und fast unbezahlbar für den Fall, daß die Regierungsparteien auf die Oppositionsbänke abrutschen. Wer nicht vorgesorgt hat, ist angeschmiert. Bei jedem Regierungswechsel werden alle Spitzenbeamten der Regierung - Ministerialdirektoren und Staatssekretäre - fast automatisch und ziemlich flächendeckend ausgetauscht. Die sogenannten politischen Beamten können jederzeit ohne Angabe von Gründen in den einstweiligen Ruhestand versetzt werden. Das heißt aber zugleich, daß die zuvor Regierenden von allen offiziellen Informationssträngen abgeschnitten sind. Und da es für den Fall eines Regierungswechsels im Herbst einen personellen Aderlaß geben dürfte, wie ihn die Republik schon lange nicht mehr erlebt hat, ist es um so wichtiger, möglichst viele zuverlässige Zuträger ins Kanzleramt sowie in die Ministerien einzuschleusen, die nach einer Wende nicht ohne weiteres rausgeschmissen werden können. Ohne diese Aktion Maulwurf kann eine zur Opposition verdammte Regierungspartei gleich einpacken. Doch "Fritze" Bohl, wie man Kohls schlitzohrigen Alleskönner schon mal respektvoll tituliert, weiß die Dinge schon zu richten.

Ein hübscher Nebeneffekt des in Gang gesetzten Personalkarussells ist, daß damit dem potentiellen Nachfolger Kohls, gleich, ob der Oskar Lafontaine oder Gerhard Schröder heißt, die Hände für eigene Personalentscheidungen ziemlich gebunden sind. Beginnen die neuen Herren gleich wieder mit einem Personalroulette, nachdem das alte gerade abgeschlossen ist, schafft das nur Ärger und Verdruß. Personalräte sind heutzutage ganz schön mächtig.