Sprache ganz geschlechtergerecht. "Daß Haushaltsberatungen in zwei Etappen ablaufen", sagt Ursula Müller, "brauche ich Ihnen als alten Verwaltungshäsinnen und -hasen nicht zu erklären." Die Abteilungsleiterinnen und -leiter am Konferenztisch nicken, blinzeln, heben kurz zustimmend das Kinn: Über Haushaltsberatungen wissen sie eigentlich alles. Aber die Chefin kann es natürlich noch mal erklären, wenn sie es für nötig hält. Ihr Notizzettelblock trägt in der linken oberen Ecke das Laufzeichen "St'in": Ursula Müller, 53, ist Staatssekretärin im schleswig-holsteinischen Ministerium für Frauen, Jugend, Wohnungs- und Städtebau. Wie ihre mitgrüne Ministerin Angelika Birk ist auch sie in erster Linie Frauen-Frau: Beide waren vor dem Karrieresprung an die Spitze eines Landesministeriums kommunale Gleichstellungsbeauftragte, die Ministerin in Lübeck, Ursula Müller in Hannover. Die Staatssekretärin ist in der Wahl ihrer Kleidung zurückhaltend.

Wollte man sie in dieser Hinsicht etikettieren, so könnte man von einem modifizierten Rita-Süssmuth-Look sprechen.

Die promovierte Mathematikerin und Soziologin mit Magisterabschluß - ihre Arbeit schrieb sie über die "Sexualmoral im Spätkapitalismus" - lebt mit ihren vier Katzen Minka, Katinka, Pepita und Rosita in Kiel. Zu frauenpolitischem Bewußtsein kam Ursula Müller nach der Promotion im Jahr 1967 während eines fünfjährigen Forschungsaufenthalts an der Universität von Pennsylvania. Die women's liberation groups, die Selbsterfahrungs- und Bewußtseinsbildungsgruppen, denen sie dort begegnete, erschienen ihr, die sich bislang noch nicht systematisch mit "eigenen Diskriminierungserfahrungen" befaßt hatte, als natürliche geistige Heimat: "Plötzlich war der Schleier weggezogen, und das Überindividuelle der persönlichen Erfahrungen wurde erkennbar."

Den politischen Pragmatismus, die Offenheit der Amerikanerinnen schätzt sie bis heute. "Erst vor kurzem ist mir bei einer Studienreise in die USA aufgefallen, wie unkompliziert sich unsere Betreuerinnen als Feministinnen outeten", sagt sie. "Begriffe wie ,Heterosexismus' oder ,Homophobie' gehörten zu ihrem Standardvokabular, während in Deutschland Feminismus schon fast zu einem Schimpfwort geworden ist." Gegen heterosexuelle Schwulen- und Lesbendiskriminierung und feindselige Homosexuellenangst zieht allerdings auch das grüne Ministerium in Kiel zu Felde: Seit Oktober arbeiten dort ein Referent und eine Referentin für gleichgeschlechtliche Lebensformen. Und dieses kleine Randgebiet beschäftigt die Öffentlichkeit weit mehr als die Bemühungen der Gleichstellungsbeauftragten.

Ursula Müllers Standpunkt in der feministischen Theoriedebatte und ihre Sicht des "gesellschaftlichen Überbaus" spielen in der Routine der Aktenbearbeitung, der MitarbeiterInnengespräche, Kabinettssitzungen, Interviews und AbteilungsleiterInnenrunden eine geringere Rolle, als es ihr selbst lieb ist. Gern hätte sie mehr Zeit und Gelegenheit für die Förderung kultureller weiblicher Aktivitäten: "Die vielleicht schlimmste Frauendiskriminierung findet im Feuilleton statt", sagt sie, "wird dort überhaupt einmal eine Künstlerin gelobt, dann heißt es: ,Gott sei Dank macht sie keine Frauenkunst.'"

Dabei könne die auf diese Weise hinterhältig gelobte Künstlerin kaum anders: An die Androgynitätsthese, also die Vorstellung, daß jeder Mensch weibliche und männliche Anteile in sich vereine, glaubt die Staatssekretärin nicht vielmehr an die nichthintergehbare Existenz eines "urweiblichen" beziehungsweise "urmännlichen", letztlich körperlich determinierten menschlichen Kerns. Der freilich, beeilt sie sich hinzuzufügen, die Existenz des Patriarchats in keiner Weise rechtfertige: "Aber es muß doch einen Unterschied für die Entwicklung machen, ob ein Kind seine Genitalien mit bloßem Auge oder nur unter Zuhilfenahme eines Spiegels sehen und begreifen kann."

Darauf noch einen Schluck Kaffee aus der Katzenkaffeekanne - und auf zum nächsten Termin.