Irgendwie muß man im Kreditgewerbe die Appelle des Bundeskanzlers mißverstanden haben. "Wir unterstützen alle Mitarbeiter, insbesondere auch die, die gehen", schrieb Klaus Müller-Gebel, Vorstandsmitglied der Commerzbank, kürzlich an die "sehr geehrten" Angestellten. Auch die Deutsche Bank mag den Bonner Vorhaltungen, mehr Beschäftigung zu schaffen, nichts abgewinnen: Der Frankfurter Finanzkonzern gab soeben bekannt, daß er in den nächsten drei Jahren rund 9000 seiner weltweit 76 000 Jobs streichen will.

Die beiden Beispiele belegen, was Branchenexperten bereits seit längerem prophezeien: Bei den Geldinstituten wird die Arbeit knapp - trotz prächtiger Gewinne. Bisher hielt sich der Beschäftigungsrückgang noch in Grenzen. Doch der zunehmende Einsatz von Computern, der beschleunigte Konzentrationsprozeß im Finanzgewerbe und die stärkere Orientierung an den Renditeansprüchen der Anteilseigner lassen in den kommenden Jahren erhebliche Stellenverluste befürchten. "Gut 100 000 Banker" müßten sich "demnächst nach einer neuen Arbeit" umsehen, hatte die Unternehmensberatung Arthur D. Little schon vor geraumer Zeit prognostiziert. Gerhard Renner, Vorstandsmitglied der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG), hält gar den Abbau von 140 000 Stellen für möglich.

Die Aktionäre der Commerzbank dürfen sich die Hände reiben. Erst schoß der Börsenkurs nach oben, jetzt will das Geldhaus die Dividende von 1,35 auf 1,50 Mark erhöhen. Auch die Beschäftigten hätten Grund zur Freude haben können.

Schließlich sollen sie an dem "guten Geschäftsjahr 1997" mit einem Sonderbonus von bis zu zehn Aktien beteiligt werden. Doch dieses Bonbon mochte den Adressaten nicht mehr munden, nachdem sie Müller-Gebels blauen Brief mit dem Hilfsangebot an "alle Mitarbeiter, die unser Haus unfreiwillig verlassen", gelesen hatten.

Was sich für Alfred Seum, den Betriebsratsvorsitzenden der Commerzbank-Zentrale, als "kaum zu überbietender Zynismus" darstellt, ist laut Müller-Gebel ein "Ausdruck gesellschaftlicher Verantwortung" der Bank.

Sie will gemeinsam mit dem Zeitarbeitsunternehmen Adecco eine Firma gründen, "die den von Personalabbau betroffenen Bankmitarbeitern eine anschließende Beschäftigung anbietet". Denn, so beteuert das Vorstandsmitglied: "Wir möchten keinen Mitarbeiter in die Arbeitslosigkeit entlassen."

Bislang war der Stellenabbau bei der Commerzbank relativ geräuschlos über die Bühne gegangen. Ältere Mitarbeiter wurden in den Vorruhestand geschickt, jüngere mit ansehnlichen Abfindungen verabschiedet. Doch diese Wege sind zunehmend ausgereizt. Das Durchschnittsalter der Belegschaft beträgt inzwischen nur noch 35 Jahre, und der "goldene Handschlag" hat viel von seiner Attraktion verloren, seit die Abfindungen auf das Arbeitslosengeld angerechnet werden. Größere Entlassungen schließlich kann die Bank vor dem Hintergrund steigender Gewinne kaum rechtfertigen, ohne ihr Image zu beschädigen.