Gefühle sind keine Privatangelegenheit mehr. Die öffentliche Bekundung von Schmerz, die Zurschaustellung eigenen Leids sind nicht mehr auf amerikanische Talk-Shows beschränkt. Modische Propagandisten der "Emotionalen Bildung" und der "Emotionalen Intelligenz" behaupten, daß die Fähigkeit, coram publico Gefühl zu äußern, nachgerade zur Grundausstattung des ausgereiften Erwachsenen gehöre. Und in ganz Europa, von England über Irland bis Belgien, Spanien und Italien, definiert ein merkwürdiger Emotionalismus den politischen Stil der Neunziger.

Perfektioniert wurde die Kunst der emotionalen Politik von Bill Clinton und Tony Blair. Ihre Reden sind von therapeutischer Sprache durchtränkt.

Unausgesetzt betonen sie, wie "mitfühlend" und "besorgt" sie seien, und sie versprechen "Teilnahme" sowie "die Hand auszustrecken". Ein verschleiertes Auge ist mittlerweile das kostbarste politische Kapital.

Die britische Politik wird vom Idiom der Psychologie geradezu beherrscht. Ein Artikel im Guardian beschrieb die neue Seelenlage des Politischen mit den Vokabeln "offener und toleranter, weniger macho und gemein". Eines der kaum bemerkten, aber bezeichnenden Ereignisse am Rande des Labour-Parteitags 1997 war der Start einer Kampagne namens Gegengift. Diese Kampagne, angeworfen von "Psychotherapeuten und anderen Angehörigen von Pflegeberufen", proklamiert die Emotionale Bildung. Hauptziel von Gegengift ist die britische politische Klasse: Man will Personen des öffentlichen Lebens dazu ermutigen, mit den eigenen Emotionen "besser umzugehen". Angesichts der hohen Zahl von Politikern, die sich in der Öffentlichkeit verhalten, als lägen sie auf der Couch des Psychiaters, dürfte sich Gegengift freilich als redundant erweisen.

In welchem Maße der gefühlsbetonte Politikstil kultiviert wird, erwies sich während der britischen Parteitagssaison im Herbst vergangenen Jahres. Seit Dianas Beerdigung reagieren unsere Politiker nämlich höchst empfindlich auf die Vorhaltung, sie seien kalt und ohne Mitgefühl. Die Festredner der Parteitage sprachen denn auch sehr wenig über Politik und weniger noch über politische Prinzipien statt dessen nutzten sie die Rednertribüne, um ihr Seelenleben vorzuführen. Premierminister Tony Blair salbte die Labour-Delegierten mit seiner übliche Sorge-Mitgefühl-Hand-ausstrecken-Rede, und wenige Tage später ertönte das Echo aus dem Munde des Tory-Führers William Hague, der seiner Partei treuherzig versicherte, auch die Konservativen seien "mitfühlend" und "tolerant". Die Übernahme des politisch korrekten Psychogelabers durch die Tories wurde von den britischen Medien enthusiastisch gefeiert.

Wenn Meinungsumfragen irgend etwas belegen können, dann dies: Das Publikum schätzt den, der sich öffentlich empfindsam zeigt. Selbst Königin Elisabeth hat sich mittlerweile eingeschwungen. Nach Dianas Begräbnis wurde noch allgemein kritisiert, die Königin habe nicht genug Emotion gezeigt. Indes informierte sie bereits wenige Wochen später die Medien, daß sie mit ihrer Weihnachtsbotschaft nunmehr "der Nation die Hand ausstrecken" und sich als warmherziges, menschliches Wesen zeigen wolle. Den Medien gefiel diese Geste und mehr noch der öffentliche Anblick, den die Queen bot, als sie Anfang Dezember anläßlich einer Zeremonie zu Ehren der Außerdienststellung der Jacht Britannia in Tränen ausbrach.

Gefühlspolitik ist allerdings keineswegs auf Großbritannien oder die Vereinigten Staaten beschränkt. Während des vergangenen Präsidentschaftswahlkampfes in Irland übertrafen alle fünf Kandidaten einander darin, Tiefe des Gefühls zu zeigen. Mary McAleese, die spätere Siegerin, versprach dem Wählervolk eine Präsidentin, die allen Opfern "eine Hand bietet" ihr Ziel nannte sie eine "Präsidentschaft der Umarmung" und der "fürsorgenden Hand". Sämtliche Kandidaten zelebrierten Empfindlichkeit und huldigten den Opfern. Politische Prinzipien wiesen sie zurück eine Kandidatin, Mary Banoti, umging bohrende Fragen mittels der Technik, "Schubladendenken" abzulehnen und darauf zu beharren, daß ihre Ansichten rein persönlich seien.