Der Schattenmann. Taucht mit seiner Gitarre auf Bühnen in allen fünf Kontinenten auf und ist schon wieder weg, ehe man ihn registriert hat. Sendet E-Mails in alle Welt, zerstückelt anderer Leute Musik, um sie wieder neu zusammenzusetzen erfindet Ad-hoc-Gruppierungen, die schnell eine Platte veröffentlichen, ehe sie sich wieder verflüchtigen. Zwischendurch putzt er mal kurz die Brille, um im Chaos den Überblick zu bewahren. Kaum jemand weiß, wie er aussieht, doch jeder, der sich für das weite Feld zwischen Rock, Improvisation und Minimal Music interessiert, ist schon einmal auf seinen Namen gestoßen.

Jim O'Rourke, 28 Jahre alt, autodidaktischer Gitarrist aus Chicago, hochgeschätzter Remixer in der Pop-Avantgarde, Bastler von Tonbandkompositionen in der Erbfolge der Musique-concrète-Klangerfinder Luc Ferrari und Pierre Henry. Er hat keinen Stil, aber eine Haltung. "Ich liebe es, mich in eine unbequeme Situation zu begeben", erzählt er, "und dann einen Fluchtweg zu finden, eine ehrliche Lösung für ein schwieriges Problem."Länger als ein Jahr war er damit beschäftigt, aus einigen verstreuten Klangtrümmern der deutschen Band Faust eine Platte zu komponieren: Zentimeter um Zentimeter klebte er Tonbandschnipsel zusammen, verkettete Klangfundstücke, testete unterschiedliche Dramaturgien und Abläufe. Die ehrliche Lösung: Das Faust-Album "Rien", ein virtuelles Gruppenportrait, von der Kritik hoch gelobt, vom Publikum ignoriert. Entlohnung: null.

Doch mit Geld läßt sich Jim O'Rourke ohnehin nicht hinter dem Ofen hervorlocken. Sein Motor wird von einer produktiv gewordenen Fan-Begeisterung in Gang gehalten. Derek Bailey und Keith Rowe, die Meister esoterischer Gitarren-Luftgängereien, waren erste Vorbilder, der fast vergessene Minimal-Pionier Tony Conrad mit seinem harschen Geigenspiel ein weiteres.

Wenn O'Rourke in die Klangströme solcher Altmeister eintaucht, sie moduliert und transformiert, dann entsteht etwas Neues: Geläufige Sprachen werden umformuliert, ihre Effekte analysiert, ihre Klischees gleichzeitig genossen und bloßgestellt.

Vor einiger Zeit hat das Chamäleon aus Chicago neue Bezugs- und Haltepunkte für seine wuchernde Kreativität gefunden. Vor allem die Folk-Legende John Fahey ist auf dem Heimaltar ganz nahe an die alten Heiligen herangerückt.

O'Rourke, der Extremist, dem bislang keine Dissonanz zu häßlich sein konnte, entdeckt plötzlich die behaglichen Reize des Arpeggios und der verminderten Moll-Akkorde, des Tabakduftes und der Prärie: Yippee-Yeh. Schon wird seine Musik versöhnlicher, genießbarer schon machen sich die kommerziellen Musikblätter daran, aus dem Schattenmann ein "Spotlight Kid" zu formen.

Doch der erste Eindruck täuscht: Was als fröhliches Divertimento auftritt, entpuppt sich bald als besonders raffiniertes kubistisches Spiel mit verschobenen Perspektiven."Bad Timing", die neueste Solo-CD, beginnt mit lässig gepluckter Akustik-Gitarre, die fingerflink durch ein simples Harmonieschema turnt. Doch plötzlich bleibt der Song auf einem Ton hängen, zarte Flageoletts schweben darüber, ein Vibraphon tupft behutsam wie ein Wattebausch. Wie durch ein Wurmloch kriecht die Komposition von einem Seinszustand in den nächsten. Ein Spiel mit dem Hören, ein Spiel mit dem Hörer.