Bislang fand der biologische Urknall vor 544 bis 505 Millionen Jahren statt. In dieser Zeit, so nahmen Evolutionsforscher noch vor kurzem an, habe sich das Leben im Kambrium explosionsartig entfaltet, entstanden aus Einzellern, Algen und Bakterien die Vorfahren fast aller modernen Tierformen: Würmer, Muscheln, Seeigel, Insekten und natürlich Wirbeltiere, zu denen schließlich auch der Mensch gehörte.

Nun müssen die Lehrbücher vermutlich korrigiert werden. Funde aus der südchinesischen Provinz Guizhou belegen, daß die "kambrische Explosion" wohl doch nicht so schlagartig verlief, wie allgemein angenommen wurde. Denn die in China gefundenen versteinerten Überbleibsel der ältesten bisher bekannten Tiere stammen aus der Zeit vor rund 570 Millionen Jahren. Damit sind sie ganze 30 Millionen Jahre älter als das Kambrium. Und sie sind bereits derart vielgestaltig, daß die mineralisierten Organismen bestimmt schon einige Jahrmillionen Evolution hinter sich hatten, als das Gestein sie schließlich verewigte.

Die Sensation wurde, unabhängig voneinander, von zwei Forscherteams in Mineralien entdeckt, die aus den Minen von Doushantuo zutage gefördert wurden. Normalerweise bauen dort Bergleute Kalziumphosphat für Düngemittel ab. Doch nun haben die Minenarbeiter wissenschaftliche Konkurrenz bekommen: Die Forscher fanden in den Mineralien von Doushantuo so gut konservierte Fossilien, daß sich unter dem Mikroskop sogar einzelne Zellen unterscheiden ließen.

Das eine Paläontologenteam - Chia-Wei Li, Jun-Yuan Chen und Tzu-En Hua aus China - fand winzige Schwämme, die viele Details mit noch heute lebenden Exemplaren dieser primitiven Tierform gemeinsam haben (Science, Bd. 279, S.

879). Die maximal einen dreiviertel Millimeter großen Tiere "sind die ältesten bekannten Vertreter einer noch heute lebenden Gruppe von Organismen", kommentiert Science-Autor Richard Kerr.

Die andere Gruppe - der Harvard-Forscher Andrew Knoll mit Yun Zhang und Shuhai Xiao von der Universität Peking - entdeckte zahlreiche mikroskopisch kleine Embryonen (Nature, Bd. 391, S. 553). Sie stammen vermutlich von Tieren, die bereits höher entwickelt waren als Schwämme oder Quallen. Ihr Aufbau ähnelt einer Form, die noch heute bei Gliedertieren, Faden- und Plattwürmern vorkommt. Außerdem fanden die Forscher dreidimensionale Versteinerungen der ältesten bislang bekannten mehrzelligen Pflanzen, Algen, die an heutiges Seegras erinnern.

Bereits im Vendium, der Epoche vor dem Kambrium, gab es also Tiere und hochentwickelte mehrzellige Pflanzen. Genarchäologische Berechnungen ließen dieses Resultat zwar bereits vermuten. Sie erzielten jedoch extrem widersprüchliche Ergebnisse. So datierte eine Forschergruppe den Ursprung der Tierwelt auf die Zeit vor 670 Millionen Jahren, eine andere auf 1,2 Milliarden Jahre. Zum Vergleich: Die Erde entstand vor 4,6 Milliarden Jahren, das erste Leben eine Milliarde Jahre später.