Der Vorsitzende persönlich soll es noch einmal richten. Doch der machtbewußte Gewerkschaftschef Klaus Zwickel verhandelt nicht gerade aus einer Position der Stärke, wenn er für die IG Metall zum letzten Gefecht antritt. In Verhandlungen mit Thyssen-Aufsichtsratschef Heinz Kriwet will er im fusionierten Ruhrkonzern Thyssen-Krupp möglichst viel von den bisherigen Einflußrechten der Arbeitnehmer erhalten. Und damit gleichzeitig von einer der wichtigsten gewerkschaftlichen Errungenschaften nach dem Kriege.

Nach der Nominierung von Gerhard Cromme (Krupp) und Ekkehard Schulz (Thyssen) als Führungstandem des fünftgrößten deutschen Industriekonzerns und nach der Billigung des von beiden ausgearbeiteten Fusionskonzepts durch ihre Aufsichtsräte ist die Mitbestimmung neben dem noch offenen Umtauschverhältnis der Aktien das wohl wichtigste ungelöste Problem. Dabei pocht die IG Metall auf die Zusage, ihr in dieser Frage entgegenzukommen. Am liebsten wäre es Zwickel und Kollegen, wenn alles beim alten bliebe. Die bei Thyssen bis heute geltende Montanmitbestimmung von 1951 garantiert Metallern und Betriebsräten die volle Aufsichtsratsparität. In Pattsituationen hat der "neutrale Mann" bei Thyssen, zur Zeit der frühere Bundespräsident Walter Scheel, den Stichentscheid. Außerdem kann gegen das Votum der Arbeitnehmer der im Vorstand für Personalfragen zuständige Arbeitsdirektor weder bestellt noch abberufen werden.

Weiter in Kraft geblieben wäre die Montanmitbestimmung, wenn die Fusion auf dem Wege einer Übernahme von Krupp durch Thyssen erfolgte. Doch nun sollen Thyssen und Krupp zu einer neuen Gesellschaft verschmolzen werden - und für die gilt, da das Stahlgeschäft dort weniger als fünfzig Prozent zum Konzernumsatz beiträgt, automatisch das erheblich mildere Mitbestimmungsgesetz von 1976. Danach wird bei der künftigen Thyssen-Krupp AG ein zwanzigköpfiger Aufsichtsrat amtieren, die Aktionärsvertreter haben durch die Doppelstimme des aus ihren Reihen gewählten Vorsitzenden bei Kampfabstimmungen das letzte Wort.

Argwöhnisch verfolgen vor allem die Aktionärsvereinigungen seit langem die Taktik der IG Metall, mit Hilfe des Gesetzgebers und ihrer politischen Lobby die Montanmitbestimmung zu retten. Denn die ist durch die Anpassungskrise bei Kohle und Stahl zwangsläufig vom Aussterben bedroht. Um den Status quo auch in Mischkonzernen mit sinkender Montanproduktion zu zementieren, wurden die erforderlichen Mindestquoten einfach gesenkt. Und nach Fortfall der Voraussetzungen wurden die ohnehin vorgesehenen mehrjährigen Auslaufzeiten weiter verlängert. Bereits 1991 zogen die Juristen der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz nach Karlsruhe. Sie wollten die Anwendung der Montanregelung beim Mannesmann-Konzern überprüfen lassen, der seiner einstigen Stahlbasis weit entrückt war. Eine Entscheidung steht jedoch fast acht Jahre danach immer noch aus, ebenso wie in den Parallelfällen Thyssen und Klöckner. Bei den Duisburger Klöckner-Werken gilt die Montanmitbestimmung übrigens immer noch, obwohl das Unternehmen mittlerweile aus der Montanproduktion ausgestiegen ist.

Um wenigstens bei Thyssen-Krupp zu verhindern, daß unterderhand Bestandteile der Montanbestimmung festgeschrieben werden, haben die Aktionärsvertreter schon jetzt gerichtliche Klagen angedroht. Ihr Argument: Der vom Montanmodell ausgehende Einigungszwang verzögere notwendige Strukturanpassungen. Obendrein käme der Kuhhandel die Unternehmen meist teuer zu stehen, weil sich die Arbeitnehmer ihre Zustimmung häufig durch Zugeständnisse in anderen Fragen abkaufen ließen. Zwickels Verhandlungspartnern bei Thyssen-Krupp können die Drohgebärden der Eigentümer nur recht sein, weil sie allzu weit gehende Forderungen unter Hinweis auf drohende Aktionärsklagen leicht abblocken können. Auf der anderen Seite muß vor allem Kriwet, der auch dem Aufsichtsrat des neuen Konzerns vorstehen soll, an einem guten Einvernehmen mit der Arbeitnehmerseite gelegen sein, um die bevorstehenden, durchaus auch schmerzhaften organisatorischen Veränderungen nach der Fusion möglichst geräuschlos durchzuziehen.

Ein juristisch wasserdichtes Kompromißmodell könnte sich an der bei Krupp nach der Fusion mit Hoesch eingeführten Regelung orientieren. Das (anders als bei Thyssen) dort geltende Mitbestimmungsgesetz von 1976 konnten die Arbeitnehmer an zwei Stellen anreichern. Zum einen wurde der Passus in die Geschäftsordnung des Aufsichtsrates aufgenommen, daß der Arbeitsdirektor nicht gegen ihr Votum gewählt werden darf, zum anderen soll ein paritätisch mit je zwei Kapital- und Arbeitnehmervertretern besetztes Aufsichtsratspräsidium (mit dem AR-Ehrenvorsitzenden Berthold Beitz als weiterem Mitglied) im Vorfeld drohender Kampfabstimmungen eine gütliche Lösung anstreben. Das ist nicht eben viel. Aber auch ohne verbindlich vorgeschriebenes Procedere suchen AR-Chefs meist den Griff nach der pattauflösenden Zweitstimme durch Verständigung mit den Arbeitnehmern zu verhindern. Und bei der Wahl des Arbeitsdirektors ist es in den mitbestimmten Unternehmen üblich, keinen Kandidaten gegen den Willen der Belegschaftsvertreter durchzusetzen.

Um nicht mit einem allzu mageren Ergebnis vor ihre Mitglieder treten zu müssen, versuchen die Metaller denn auch an anderer Stelle nachzubessern. So regten sie beispielsweise an, den nach dem 76er Mitbestimmungsgesetz vorgeschriebenen Vertreter der leitenden Angestellten, aus Sicht der Gewerkschafter ein unsicherer Kantonist in ihren Reihen, dem Kontingent der Anteilseigner zuzurechnen. Vor Gericht hätte dies kaum Chancen. Schon ein Vetorecht der Arbeitnehmer bei der Wahl des Arbeitsdirektors dürfte die Frage nach der Vereinbarkeit mit dem im 76er Gesetz vorgesehenen Wahlverfahren für Vorstandsmitglieder aufwerfen. Dennoch gibt sich Thyssens Konzernbetriebsratschef Dieter Kroll - mit Blick auf die im März bei Thyssen und Krupp anstehenden Betriebsratswahlen - kämpferisch: "Wir werden rausholen, was rauszuholen ist, und da sind wir sehr kreativ."