Literaturgeschichten berichten von literarischen Werken einer Epoche: von wem sie geschrieben wurden, wovon sie handeln, wie sie gemacht sind, für welche Generationen sie wichtig waren. Sie sind Gedächtnisspeicher unserer Kultur. Literaturgeschichten zu schreiben ist keine leichte Sache, weswegen sich heute nur noch selten einzelne Gelehrte an sie heranwagen. Die drei großen - jeweils etwa 800 bis 1000 Seiten umfangreichen - Geschichten zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur sind Sammelbände, an denen zahlreiche Germanisten mitgearbeitet haben.

Horst Albert Glaser ist ein streitbarer Professor für vergleichende Literaturwissenschaft, der den deutschen Germanisten ab und zu die Leviten liest. Von ihm hätte man eine Erneuerung der konventionellen Gattung erwartet. Aber es bleibt beim alten nationalliterarischen Ansatz und beim "sozialgeschichtlichen" Zugriff.

Glaser hat seinen theoretischen Ansatz ernst genommen, und etwa die Hälfte des Bandes beschäftigt sich nicht unmittelbar mit dichterischen Texten, sondern mit Sozialgeschichte pur, mit dem Streit um die deutsche Einheit, mit literarischer Öffentlichkeit, mit Zensurkonflikten und Stasi-Überwachung, mit Ideologien und Programmen (der "Sozialistische Realismus" und der "Bitterfelder Weg" beschäftigen gleich mehrere Beiträger), mit Zeitschriften und Schriftstellerverbänden sowi e mit Theatern und ihren Regisseuren. Der sozialgeschichtliche Aspekt hatte nach der Studentenbewegung eine gewisse Brisanz, aber die soziologische Sicht der Interdependenz von Literatur und Gesellschaft hat sich gegen subtilere Ansätze der Diskursanalyse nicht behaupten können. Glasers Band wirkt immer dann überzeugend, wenn das alte Paradigma vergessen wird und Kritiker wie Richard Herzinger und Klaus Zeyringer methodisch eigenständige Analysen beisteuern.

Das Buch demonstriert eine gewisse Hilflosigkeit gegenüber der Postmoderne-Theorie: Immer wieder werden überholte Klischees ("anything goes") repetiert. Hätte sich die deutsche Germanistik nicht weitgehend aus der internationalen Postmoderne-Diskussion ausgeklinkt, hätte sie die Entfaltung dieses Paradigmas zu einem Epochenbegriff mitvollzogen, wären interessantere Literaturgeschichten geschrieben worden. Mit diesem Defizit hängt wohl auch zusammen, daß auf die Multikultur in der Gegenwartsdichtung kaum hingewiesen wird. Dabei haben Briegleb/Weigel schon vor Jahren betont, daß es sich bei der "Literatur der Fremde" und der Minoritäten (zum Beispiel der türkischen und arabischen Literatur deutscher Sprache) keineswegs um ein marginales Phänomen handelt.

Ein eigenes Kapitel hätte man sich auch zur neuen jüdischen Literatur der zweiten und dritten Nachkriegsgeneration gewünscht. Vergleichbares läßt sich zum Thema Frauenliteratur sagen. Viel ausführlicher als bei Barner und Briegleb/Weigel wird dagegen die österreichische Literatur vorgestellt.

Zuwenig erfährt man jedoch über die Literatur aus der Schweiz. Ähnlich wie bei Barner liegt die Stärke in der Beschreibung der Romane und Erzählungen, der Lyrik und des Dramas aus der Bundesrepublik und der DDR, wobei die älteren Schriftsteller zu oft, die jungen dagegen zu selten genannt werden.

Eine allgemeine Auseinandersetzung mit der Essayistik (einer immer wirkungsmächtiger werdenden literarischen Gattung, die formidable Debatten zündete) fehlt in allen drei Literaturgeschichten. Das ist ein doppelter Schade, denn der Stil mancher Beiträger hätte durch eine Schulung an literarischen Essays gewinnen können.