Seit einiger Zeit hat der Niedersachse Christian Wulff einen witzigen Satz auf Lager. "Ob es uns noch gibt, wenn Helmut Kohl einmal abtritt?" fragt der 38jährige und genießt die irritierten Reaktionen seiner Zuhörer. Ist das die Kapitulation eines hoffnungsvollen CDU-Politikers, dessen offener Widerspruch im Januar 1997 die Erosion des Kohlschen Machtsystems einzuleiten schien? Aber nein, die Botschaft wird heute nur freundlicher verpackt. Es ist eine hintersinnige Reverenz, die Wulff dem ewigen Kanzler erweist. Aus ihrer ironischen Übertreibung hört man das Gegenteil: Die Zukunft gehört den Jüngeren. Wann sie Kohl beerben, ist eine Frage der Zeit. Die Ungeduld mit dem großen Vorsitzenden ist einer Art Gelassenheit der späten Geburt gewichen.

Noch gelassener freilich darf Wulff auf seine politische Zukunft blicken, sollte der Außenseiter am 1. März die Landtagswahl gewinnen. Bis dahin wird er keine Gelegenheit auslassen, die Niedersachsen von seinem Siegeswillen zu überzeugen. "Man muß schon zeigen, daß man den anderen weghaben will, daß er wegmuß", droht Gerhard Schröders Herausforderer. Auf Wulffs Wahlkampfreise, die schon durch die Zahl seiner Auftritte beeindruckt, heißt der Ohrwurm: "Ich setze auf Sieg."

Keine Wahl hat die CDU in Niedersachsen verloren, seit er ihr Vorsitzender ist. Bei den letzten Kommunalwahlen lag die Partei in den Prognosen abgeschlagen hinter der SPD - am Wahlabend hatte sie gewonnen. Verglichen mit anderen Bundesländern, in denen die Popularität der CDU-Herausforderer weit hinter der Prognose für ihre Partei lag, genießt Wulff in den Umfragen hohe Bekanntheits- und Popularitätswerte. Und sprechen nicht auch die niedersächsischen Verhältnisse für den Wechsel: die zweithöchste Arbeitslosigkeit aller westdeutschen Flächenländer, die Schuldenspirale?

Beharrlich argumentiert Christian Wulff gegen alle an, die an seiner Chance zweifeln.

Unterschätzt wird er ohnehin nicht mehr, wie noch bei seinem ersten Versuch vor vier Jahren - ein netter, aussichtsloser Junge ohne Landtagsmandat und Parteivorsitz, der gegen den populären Ministerpräsidenten kaum anderes zu bieten hatte als seine jugendliche Unerfahrenheit. Das war "keine angenehme Situation", erinnert er sich heute an das schlechteste CDU-Ergebnis in Niedersachsen seit dreißig Jahren.

Entmutigt hat ihn das nicht. Und in der eigenen Partei wunderte sich mancher, wie sich der freundliche Youngster nach der Niederlage plötzlich als Machtpolitiker präsentierte, der innerhalb von drei Monaten die Spitze von Fraktion und Partei besetzte.

"Die CDU hat damals auf totale Verjüngung gesetzt", sagt er heute. Seine Bilanz liest sich nicht schlecht: Wulff führt den einzigen CDU-Landesverband mit Mitgliederzuwachs, er fördert junge Mandatsträger, Frauen und Seiteneinsteiger. Er selbst bekommt in der Partei mittlerweile Traumergebnisse. Erster Akt: Die Machtbasis steht. Manchmal wird er sogar schon mit der Frage konfrontiert, was seinen Ehrgeiz eigentlich vom Schröderschen unterscheide? Er träume davon, das als "richtig Erkannte durchzusetzen". Macht, sagt Wulff, sei eben kein Selbstzweck: "Ich mache Politik um der Sache willen."