Auch nüchterne Forscher zieht es zuweilen in die Kneipe. Die Mitarbeiter des amerikanischen Santa-Fe-Institutes etwa suchen in solchen schwachen Momenten mit Vorliebe das "El Farol" auf - vor allem Donnerstagabend, wenn dort irische Musik geboten wird.

Die Bar bietet jedoch nur wenigen Besuchern Platz. Wenn sich allzu viele Musikfans drängeln, vergeht selbst abgebrühten Anhängern irischer Balladen der Spaß. Zum Glück wissen die Santa-Fe-Leute zu rechnen, an ihrem Institut wird schließlich mit hohem mathematischen Aufwand geforscht (Hauptthema: Komplexität). Der kalkulierende Musikfan besucht das "El Farol" nur dann, wenn er meint, an diesem Donnerstag kämen höchstens sechzig Anhänger des Irish Folk. Einziges Problem: Wenn alle glauben, daß sich nur wenige für die traditionelle Abendunterhaltung entscheiden - dann werden auch alle hinpilgern. Umgekehrt bleibt der Wirt allein, wenn alle denken, diesmal machten sich viele ins "El Farol" auf. Wird die Bar also zwangsläufig abwechselnd prallvoll und gähnend leer sein?

Eine klassische Frage an die Wissenschaft. Genauer: ein Thema für eine Computersimulation.

Der Santa-Fe-Ökonom W. Brian Arthur spielte den Kneipenbesuch am Rechner durch. Zunächst schrieb er eine Liste möglicher Vorhersagen dafür, wie viele Gäste am folgenden Donnerstag kommen würden. Zum Beispiel: gleiche Anzahl wie beim letzten Mal oder wie beim vorletzten Mal oder der gerundete Durchschnitt des vergangenen Monats oder eine Fortschreibung des Trends der vergangenen Wochen und so fort. Sodann schuf Arthur hundert virtuelle Kneipengänger und stattete - nach dem Zufallsprinzip - jeden von ihnen mit einem Portefeuille von Vorhersagen aus.

Nächster Schritt: Kneipenbesuch (simuliert). Nun konnten die virtuellen Individuen überprüfen, welche Prognosemethode aus ihrem individuellen Portefeuille am besten war. Diese wurde von ihnen sodann für die Prognose des nächsten Pub-Besuches verwendet.

Nach anfänglichen Ausschlägen schwankte die Anzahl der Gäste im virtuellen "El Farol" von Woche zu Woche nur noch erstaunlich wenig. Zwar erwiesen sich immer wieder andere Strategien als erfolgreich, es gab kein Idealverfahren.

Doch stets fanden sich fünfzig bis siebzig Besucher am Tresen ein. "Das ist wie in einem Wald, dessen Konturen sich nicht ändern, wohl aber die einzelnen Bäume", erklärt Brian Arthur. Der Wirtschaftswissenschaftler hat jedoch mitnichten nur sein Abendvergnügen im Kopf. Wer erfolgreich mit Aktien und Wertpapieren handeln will, muß ebenfalls möglichst präzise erraten können, was andere planen. Ein Gedanke, der bereits vor einigen Jahren einer Börsensimulation zugrunde lag, die Arthur immerhin an einige Banken verkaufen konnte.