Eigentlich hatte sich Paul Celan geschworen, nie mehr unter den Augen der Öffentlichkeit zu lesen. Nur Freiburg, diese Einladung nahm er noch an.

Freiburg ist die Stadt Martin Heideggers. Auf Bitte des Philosophen ("Ich kenne alles von ihm") legen am 24. Juli 1967 die Buchhändler Celans Gedichtbände in ihre Schaufenster. Dem Germanisten Gerhart Baumann schreibt Heidegger, es sei "heilsam", Celan den Schwarzwald zu zeigen. "Heilsam." Am Abend strömen tausend Menschen in jene Universität, in der Heidegger im Mai 1933 das deutsche Volk mit apokalyptischem Imperativ zur Erfüllung seines geschichtlichen Auftrags abkommandiert hatte. "Wir wollen uns selbst." Im Schlußsatz ein mißbrauchter Platon: "Alles Große steht im Sturm."

Celan hatte den Holocaust überlebt. Seine Gedichte chiffrieren das Andenken an die Ausgelöschten von Auschwitz. Auch Heidegger sagt An-denken. Aber An-Denken des "Seins". Als Celan im Hotel eintrifft, wartet Heidegger schon.

Das Gespräch ist verhalten, dann freundlich, und erst als jemand eine Photokamera hebt, steht Celan brüsk auf. Er wünsche "entschieden" nicht, mit Martin Heidegger photographiert zu werden. Heidegger bleibt ungerührt: "Er will nicht - nun, dann lassen wir es." Die abendliche Lesung, heißt es, habe das Publikum überwältigt. Der Dichter spricht zu allen. Aber besonders zu Heidegger. Celans letzte Verse aus "Atemwende": "Tief in der Zeitenschrunde ...

wartet ein Atemkristall, / dein unumstößliches Zeugnis." Heidegger lädt ihn für den nächsten Tag auf seine legendäre Hütte ein. Celan zögert. Dann sagt er zu.

Jean Bollacks spektakuläre Neuinterpretation des Treffens

Zu Recht nennt Gerhart Baumann in seinen "Erinnerungen an Paul Celan" (Suhrkamp-Verlag) die Begegnung mit Heidegger "epochal". Bis heute jedenfalls läßt sie den Kampf der Interpreten nicht ruhen, und von Anfang an rückten die Geistespolitiker der Literatur nicht nur ihre Gegnerschaften, sondern vor allem ihre Mutmaßungen über das Wohl und Wehe der Sprache ins Licht dieser Urszene. Wer über das Freiburger Ereignis schrieb, urteilte zugleich über das "Wesen" der Dichtung und die faschistische Einschwärzung der Sprache. Für Adorno war die deutsche Kultur nach Auschwitz "Müll" für den korrumpierten Bildungshumanismus die letzte Bastion: Im Tiefengrund des Deutschen murmelt ein welterschließender Sinn, an dem die Barbarei spurlos vorübergegangen ist.