Wieviel darf ein Menschenleben kosten? Für die Eltern des zwölf Jahre alten Mädchens stellt sich die Frage nicht. Das Kind leidet an einer bösartigen Leukämie, und nur noch eine Knochenmarktransplantation kann die Kleine vor dem Tod bewahren. Die Chancen sind minimal. Aber in Einzelfällen wurden Kinder gerettet, daher befürwortet Matthias Brandis, Direktor an den Universitätskliniken Freiburg, die Operation. Sie wird etwa 200 000 Mark kosten. Mitte November veranlaßte Brandis die Suche nach einem Knochenmarkspender, die mit ungefähr 10 000 Mark zusätzlich zu Buche schlägt.

Doch nach Ansicht der gesetzlichen Krankenkasse lohnt sich der finanzielle Aufwand für das Kind nicht mehr. In einem Brief an Chefarzt Brandis empfiehlt die Versicherung, das Mädchen sterben zu lassen. Die junge Versicherte sei für die geplante Operation "nicht mehr geeignet und sollte nur noch palliativ behandelt werden", schreibt die Kasse.

Die Eltern der Kleinen sind fassungslos. Auch Brandis empört sich. "Das ist ein klarer Eingriff in die ärztliche Entscheidungsfreiheit", sagt der 58 Jahre alte Kinderarzt, dessen Klinik jetzt gerichtlich gegen die Kasse vorgeht. Daß sich unser Gesundheitssystem eine 200 000 Mark teure Operation mit ungewissem Ausgang nicht leisten mag, sagt Brandis, könne er durchaus verstehen. "Dann aber sollten die Politiker das öffentlich entscheiden."

Der Streit um das leukämiekranke Mädchen offenbart einen Wandel, der nach Ansicht zahlreicher Experten jetzt erst richtig in Schwung kommen wird: Zunehmend wird im deutschen Gesundheitssystem aus ökonomischen Gründen die beste Behandlung verwehrt. Während an manchen Stellen durch zweifelhafte Medikamente, falsche Diagnosen und überflüssige Therapien Milliarden verpulvert werden, müssen vor allem schwerkranke Menschen den Abbau medizinischer Versorgung fürchten.

Nur selten werden Patienten so unverhohlen von Behandlungen ausgeschlossen wie das Mädchen in Freiburg. Häufiger erhalten die Kranken billige, medizinisch zweitklassige Therapien. Diese "weiche Rationierung" hält der Gesundheitsökonom Karl Lauterbach von der Universität Köln für einen Trend: "Sie ist politisch leichter durchsetzbar als die harte Rationierung, bei der dem Patienten eine Therapie gänzlich vorenthalten wird. Häufig bemerkt er die weiche Rationierung nicht, da die kostengünstigere Alternative nicht ökonomisch, sondern medizinisch begründet wird."

Diese heimliche Rationierung läßt sich zum Beispiel in der Psychiatrie nachweisen. Klinikärzte verschreiben bestimmten Patienten die Antidepressiva Risperdal oder Zyprexa. Die sind zwar ungleich teurer, dafür aber verträglicher als das billige Haldol, das Zittern und Muskelkrämpfe hervorrufen kann. Doch kaum haben die Patienten die Klinik verlassen, erhalten sie von manchen niedergelassenen Ärzten nur Haldol - aus Kostengründen. Die doctores wollen ihr Praxisbudget nicht überziehen und rufen zuweilen sogar bei ihren Kollegen im Krankenhaus an, um sich über die Überweisungspatienten mit den teuren Rezepten zu beschweren, berichtet Frank-Gerald Pajonk, Psychiater an der Hamburger Universitätsklinik Eppendorf.

Die Opfer der versteckten Rationierung ahnen nichts von alledem. Manche von ihnen litten so stark an den Nebenwirkungen des Ersatzpräparates, daß sie wieder in die Klinik müßten, sagt Pajonk.